Gedanken

FREIHEITSDRANG – WO KOMMT ER HER?

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Den Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmtheit muss uns niemand eingeben. Schon als einjähriges Kind verteidigen wir seinen Willen mit Händen und Füßen.
Dieser Drang scheint uns innezuwohnen. Was ist seine Ursache, seine Herkunft? Was ist die Quelle unseres permanenten Strebens nach Freiheit und Befreiung? Warum gilt uns die Freiheit als so hohes Gut?
Niemand strebt nicht nach Freiheit.
Tatsächlich tun wir nichts anderes im Leben. Wir essen, um uns vom Hunger zu befreien, wir schlafen, um uns von der Müdigkeit zu befreien, wir gehen Beziehungen ein, um uns von der Einsamkeit zu befreien, wir lernen, um uns von Unkenntnis zu befreien, wir streben nach Macht, um uns von der Ohnmacht zu befreien, wir streben nach Besitz, Vermögen und Bestätigung, um uns von Unsicherheit zu befreien.
Der Drang, uns zu befreien, scheint umso intensiver zu wirken, je mehr wir uns selbst als gefangen sehen, als begrenzte Person in einer begrenzten Welt voll mit
Erwartungen an uns. Unser Freiheitsdrang scheint verbunden zu sein mit dem Bild, das wir von uns selbst haben.
Können wir uns vielleicht befreien oder wenigstens befreit fühlen, wenn wir das Bild ändern, das wir von uns haben?
Ja und nein. Wir können uns nicht befreien, weil wir bereits frei sind, aber wir wissen es nicht, solange wir ein unvollständiges Selbstbild haben. Das ist eines der großen Geheimnisse, die es im Leben zu entdecken gibt.
Die Qualität unseres Lebens hängt daran, wofür wir uns selbst halten.
Halten wir uns für klein, begrenzt, schwach und abgeschnitten? Sind wir Opfer der Umstände? Sind wir reduziert auf die Begrenztheit der Person, des Körpers, Geistes, Intellektes, unseres Lebenslaufes oder unseres Bankkontos? Oder sind wir die Quelle unseres Freiheitsstrebens, immer frei, nicht zu begrenzen und ewig?
Im Teenageralter glauben wir, frei zu sein bedeutet, möglichst anders zu sein.
Anders als Eltern, Geschwister, Lehrer, Mitschüler. Doch nur anders zu sein, macht uns nicht wirklich freier. Im Gegenteil. Die vermeintliche Freiheit entpuppt sich früher oder später als nichts als eine verdrehte Form der Abhängigkeit von dem, das wir eigentlich vermeiden wollten. Der andere ist blau, deshalb kann ich nicht blau sein, ich muss grün sein, um frei zu sein! Im anders und besonders sein Wollen als Mittel zur Befreiung stecken manche bis ins Hohe Alter fest, ohne es zu merken.
Ein anderer Irrweg auf der Suche nach Befreiung ist der Glaube, Freiheit bedeute, immer zu bekommen was man will. Aber was gibt uns unseren Willen ein? Sind wir die Herren unseres Willens? Weißt Du jetzt schon was Du in 10 minuten denken wirst? Kreieren wir unseren Willen? Haben wir Kontrolle über ihn, oder ist es nicht eher umgekehrt? Ist eine große Freiheit nicht vielleicht die Freiheit von unserem Willen?
Wann immer wir uns unfrei fühlen, ist unser Verstand unser Kerkermeister.
Verstand kommt von verstehen, und es gibt etwas essentielles über uns zu verstehen, das uns kein Lehrer in der Schule beigebracht hat. Und so ist die Entdeckung, dass unsere Freiheit niemals beeinträchtigt war, dass sie tatsächlich unantastbar ist, die Antwort am Ende des Weges auf der Suche nach uns selbst. Der Glaube, begrenzt und gefangen zu sein, zeigt, dass wir nicht (an)erkennen können oder wollen, worauf die in uns brennende Sehnsucht nach Freiheit permanent hindeutet, nämlich unser freies und nicht zu begrenzendes Selbst, die Ursache und Esenz unseres Selbst als begrenzte und abhängige Person.
Aber was ist dieses Selbst? Was macht uns essentiell aus? Was ist der Teil an uns, auf den wir bauen können, der stabil und verlässlich ist, der sich niemals ändert, der also wahr, wahrhaftig ist?
Wie wäre es denn mit Bewusstheit und unsere Existenz?
Beides verändert sich zeit unseres Lebens niemals. Was ist Existenz und wie viele Existenzen gibt es? Es gibt nur eine Existenz, das übergeordnete Prinzip in der Welt und außerhalb von ihr und unzählige Ausdrucksformen ihrer. Und diese Ausdrucksformen werden von Bewusstheit bezeugt. Es gibt nur eine Bewusstheit, mit vielen Augen.
Wir alle teilen ein und dieselbe Bewusstheit und Existenz, und wir sind sie, jedenfalls mehr als dass wir Max, Paul oder Jessica sind. Es fällt schwer, das auszusprechen oder anzunehmen. Wir nehmen jede noch so flüchtige Ausdrucksform unserer Existenz und unseres Bewusstseins gern als unser Ich an, ich bin müde, ich bin durstig, ich bin hungrig, ich bin zielstrebig, ich bin ein Deutscher, ich bin ein Lehrer, ich bin ein Musiker, ich bin ein Autofahrer, ich bin eine Mutter, ich bin ich bin ich bin…. Eigenschaften und Formen unserer Bewusstheit und Existenz, die allesamt vergänglich sind, die kommen und gehen und die wir uns dennoch gern und bereitwillig als Label um den Hals hängen, um uns selbst zu beschreiben. Aber ich bin Bewusstheit, oder ich bin Existenz will uns nur schwer über die Lippen gehen, obwohl es die einzigen beiden Zustände sind, die wir immer und permanent sind. Aber dieser Umstand widerspricht dem oft so tief in uns verwurzelten Glauben, klein und begrenzt zu sein. Nur das macht es uns so schwer, zu glauben, dass wir bereits frei sind, und schickt uns auf die vergebliche Suche nach der Freiheit in die Welt.
Wir sind freie Bewusstheit und freie Existenz, die große und simple, alles umfassende und hervorbringende Existenz und Bewusstheit, in jedem Moment unseres Lebens als Mensch und darüber hinaus. Und diese bewusstheit und Existenz ist frei von allen kommenden und gehenden Objekten in der Welt, selbst von unserer vergänglichen Person.
Unsere Personist heute nicht mehr die Person, die sie als Kind war.
Unser Körper, unsere Erfahrungen und Fähigkeiten, unser Wissen und unsere Überzeugungen haben sich verändert und verändern sich weiter. Wir sagen, ich bin nicht mehr der oder die ich einmal war. Das ist Ausdruck der eignen Identifikation mit dem Vergänglichen, dem Wechselhaften und widerspiegelt eine begrenzte Sicht auf das Selbst, was natürlich sofort den Drang auf den Plan ruft, sich davon zu befreien. Denn wir sind auch und mehr noch das, was sich eben nicht ändert, was immer gleich bleibt. Wir sind auch das, was die Wahrnehmung der Veränderungen und Entwicklung unserer Person und der Welt erst ermöglicht. Existenz und Bewusstheit.
Ohne Existenz, gäbe es nichts, was Bewusstheit bezeugen könnte.
Aber auch nichts ist etwas und es existiert. Wir sind uns darüber bewusst, dass wir im Tiefschlaf nichts wahrnehmen. Bewusstheit existiert. Bewusstheit und Existenz sind untrennbar mit einander verwoben. Was auch immer sich in unserem Leben ändert, wir bleiben uns unserer Existenz bewusst, in der begrenzten Ausdrucksform als Person, die den Gesetzen des Geborenwerdens, Existierens und der Auflösung unterworfen ist, aber vielleicht auch als die Ursache für die Welt.
Absolute Freiheit vom Werden, Sein und Vergehen, das ist es was wir wirklich sind.
Aber Werden, Sein und Vergehen sind Prinzipien in uns, Bewusstsein und Existenz. Und unsere Person ist in Bewusstheit und Existenz. Vielleicht streben wir deshalb seit unserer Kindheit nach Freiheit in einer begrenzten Welt, weil wir tief in uns wissen, dass jede Abhängigkeit eine sich auflösende Illusion ist. Das höchste und unantastbare Prinzip, das Absolute, die erste und einzige Ursache von allem, ist ein und dasselbe wie die Essenz und die wahre Natur eines jeden Wesens innerhalb und außerhalb der Welt. Alles andere ist Theater, sind verschiedene Filme, die die weiße Leinwand auf der sie ablaufen nur scheinbar aber niemals wirklich beeinträchtigen können. Die Leinwand ist immer frei von Beeinträchtigung. Wir sind die Leinwand und der Film.
Befreiung ist eine Illusion, Freiheit unsere Natur

Befreiung ist eine Illusion

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Das Konzept der Befreiung im Sinne von Herbeiführen von Unabhängigkeit ist eine Illusion. Es gibt nichts wovon wir uns befreien könnten. Alles ist von dem einen Ursprung, aus der einen Quelle, in dem einen Urgrund.

Wir können uns nur dann von etwas befreien, wenn wir uns getrennt davon sehen. Wenn wir unseren Arm nicht als Teil von uns sehen, können wir ihn abschneiden und uns von ihm befreien. Aber bedeutet die Verbundenheit mit unserem Arm Unfreiheit? Besteht nicht eine sinnvolle Abhängigkeit von dem Arm bzw. ein harmonisches Ganzes mit ihm als Teil davon?

Wenn Freiheit Verneinung von Abhängigkeit ist, dann ist sie eine Illusion genau wie die Unabhängigkeit selbst. Wenn ich nach Geld strebe, um frei zu sein, ist meine Freiheit abhängig vom Geld. Wenn ich spirituelle Handlungen durchführe, um frei zu sein, ist meine Freiheit abhängig von spirituellen Handlungen. Wenn ich irgendetwas tue, um frei zu sein, ist meine Freiheit abhängig von diesem Tun. Ist das dann Freiheit? Freiheit entsteht niemals durch Handlung.

Denn Freiheit ist schon da, sie will nur erkannt werden. Alle Erscheinungen, alle Objekte in der Welt sind abhängig vom Absoluten, vom Subjekt. Identifiziere ich mich mit den Objekten, den Erscheinungen des Absoluten, kann ich versuchen, mich von der Abhängigkeit von anderen Erscheinungen des Absoluten zu befreien, weil ich sie nicht als Teil von mir (an)erkenne. Identifiziere ich mich mit dem Absoluten, gibt es nichts wovon ich mich befreien könnte, denn alles innerhalb des Absoluten, gehört zu mir, wie der Arm zum Menschen und der Mensch zum Absoluten.

Begreife ich „meine“ Person als Objekt und mich als das Subjekt, erfahre ich absolute Freiheit.

BRAHMACHARYA- SINNE VERSTEHEN STATT VERTEUFELN

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Brille

Die Kontrolle der Sinne(sorgane) gilt im Yoga als Mittel auf dem Weg zur Befreiung vom Leid. Unsere Sinne können ein Instrument der Trennung sein, müssen es aber nicht. Entscheidend ist die Interpretation dessen, was wir sehen, hören oder fühlen.

Was kreiert unseren individuellen Blickwinkel auf die Welt, und was macht ihn aus? Das was wir früher gesehen, gehört, gefühlt und daraus geschlussfolgert haben. Unsere Sinne sind dabei die Lieferanten von wertneutralen Impulsen unserer Umwelt.

Vielleicht gelangen wir in eine Abhängigkeit gegenüber der einen oder anderen Art von Lieferungen, aber nicht der Pizzabote ist dafür verantwortlich, wenn wir zu viel Pizza essen.

Unsere Sinne liefern permanent unzählige Eindrücke, aber nicht jede Lieferung nehmen wir an bzw. wahr. Wir haben einen eingebauten Filter, der nur die für uns relevanten Eindrücke erlebbar macht. Alles andere blenden wir aus.

Was kreiert diesen individuellen Filter? Unsere Erfahrungen, Vorlieben und Abneigungen. Deshalb heißt es, wir sehen was wir sehen wollen.

Wenn sich unser Blickwinkel ändern, dann sehen wir dieselben Dinge anders, und wir sehen andere Dinge. Es ist nicht unser Verdienst, dass es so ist. Es macht uns nicht anders, besser oder schlechter. Es lässt uns immer noch  der Zeuge der sich ändernden Brille bleiben, durch die wir die Welt filtern und interpretieren.

Aus diesem Grund finde ich es entscheidend, statt nur zu versuchen, seine Sinne zu kontrollieren, zu aller erst die Rolle unserer Sine zu verstehen.

WARUM SEHNEN WIR UNS NACH FREIHEIT?

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Freiheit – Wie leichtfertig wünschen wir sie uns, ja fordern sie sogar ein. Kann es jemals eine Freiheit geben für uns als Person? Selbst die von unserer Person oder unserer Begrenztheit? Kann uns die Freiheit je ein wohliges Heim sein, oder ist sie die Leere, die zwar alles ermöglicht aber auch jeglichen Sinnes entbehrt? Ist sie nicht die Leinwand, die wir mit unserem Traum bemalen, im Glück zu wandeln alle Zeit, in der Ferne natürlich, weit weit weg?

Ich kombiniere Erfahrungsbruchstücke von denen ich glaube, dass sie Erkenntnisse sind. Dabei reicht mein Blick gerade ein paar Meter zurück, bevor Vergessen und Dunkelheit sich über das Erlebte legen. Unaufhaltsam werde ich vorwärts getrieben, durch Raum und Zeit. Ich schwinge mich aus düsteren Niederungen in die luftige Höhen, nur um abermals in Abgründe zu stürzen. Ich beklage mich nicht. Es ist mein Spiel. Ich bereue wenig. Ich bin ein Kind, das versucht, sein Spielzeug zu enträtseln.

Ich spiele auf der Klaviatur meines Geistes, auf schwarzen und weißen Tasten. Zwölf Halbtöne in zwölf Monaten, sieben Töne in sieben Tagen. Durchs Raster fällt was nicht ins Schema passt. Freiheit kennt kein Schema, kein Raster, keine Antwort, die befrieden könnte. Sinn gibt es nur in Bezug auf etwas anderes. Und Bezug ist Bindung, Bindung ist nicht Freiheit wie wir sie uns vorstellen. Frieden statt Freiheit oder Frieden durch Freiheit? Frieden durch Täuschung, Frieden durch Verleugnung oder Wegsehen?

Ein törichter Wunsch, der Wunsch nach Freiheit, weil er den Glauben an die Illusion unserer Unfreiheit beweist.

Wohin könnten wir denn gehen, wenn schon ein kurzen Blick in das was wir für das Licht halten uns verzagen lässt? Wohin könnten wir uns wenden, wenn jede Antwort so leer bleiben muss wie alle Fragen?

Ich könnte jedem Furz Bedeutung in schillerndsten Farben verpassen, mich ihm verpflichten und so die Absurdität meiner eigenen Existenz aus dem Lichte nehmen. Es gibt keine Antwort auf Fragen, die niemand stellt. Vater, Mutter, Kind. Freiheit ist eine Illusion. Wovon könnten wir uns je befreien, wenn wir nicht einmal wissen, wer wir sind.

Freiheit kann nicht Isolation sein. Freiheit ist anders auf jeder Ebene.

Freiheit ist Menschsein. Menschsein ist Freiheit. Ist das Geschenk oder Fluch? Es ist was wir daraus machen. Was erschafft unsere Ahnungslosigkeit? Was unterscheidet uns vom Tier, wenn wir unsere Menschlichkeit verleugnen? Was tun Vater und Mutter, wenn ihr Kind außer Kontrolle gerät? Geben sie ihm Freiheit, Fehler zu machen und daraus zu lernen was sie bewirken?

Es gibt kein Du. Ich spüre Dich nicht. Was fehlt wirklich? Ist tatsächlich Mangel die Ursache für das Gefühl des Mangels, oder ist es Unwissenheit? Wie oft kollidieren wir mit der Fensterscheibe, bevor wir merken, dass es kein Durchkommen gibt? Die Frage, die bohrt, ist die nach dem Warum? Die ersehnte Freiheit ist vielleicht die Freiheit von der Frage nach dem Warum. Sie stört, lässt nicht sein, stachelt an, rüttelt auf, verstört, lässt verzweifeln.

Mutter, Vater, warum gebe ich der Frage nach dem Warum diese Macht? Wohl weil es mir das geeignete Instrument für etwas zu sein scheint. Was macht dieses Instrument aus? Gibt seine Qualität Aufschluss über das Motiv für seine Auswahl?

Die Frage nach dem Warum – ich glaube, sie ist die Frage ohne Antwort, so wie Freiheit der Raum, der nicht zu betreten ist.

Ich schenke dem Unerreichbaren meine Gedanken und meine Sehnsucht. Was ist der Grund dafür? Was will ich nicht sehen? Wovon wende ich den Blick ab? Fürchte ich die Konfrontation mit dem Erreichbaren? Fürchte ich die Prüfungen des Machbaren? Ist der Ruf nach Unendlichkeit ein Mittel der Vermeidung? Ist er das Besprühen eines Geschenkes mit dem Grau der Bedeutungslosigkeit bis seine Schönheit unsichtbar wird?

Was können wir tun, als uns flehend zu Füßen von Mutter und Vater zu werfen, und darum zu bitten, sehen zu dürfen, verstehen zu dürfen, lieben zu können, demütig, dankbar sein zu können, im Kleinen, Greifbaren, Machbaren stark sein zu können?

Hari Om! Om Namah Shivaya!

HEUTE IST MEIN 15.361. GEBURTSTAG!

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happy birthday15.361. Tage – So lange bin ich jetzt hier. Heute Morgen dämmert mir, dass jeder neue Tag, den wir erleben dürfen, ein Geburtstag ist. Das Leben und die Welt präsentieren sich jeden Tag neu, anders, frisch, aber für viele von uns ist ein Tag wie jeder andere.

Sollten wir nicht jeden Tag auch als Todestag feiern? Als Abschied von den Seilen der Erfahrungen jedes der vergangenen Tage unseres Lebens? Sie versuchen, in jeden neuen Tag hineinzuwirken (hineinzupfuschen) indem sie uns bewerten, mögen, nicht mögen und versuchen lassen, Vergangenes in Neuem zu bestätigen oder zu widerlegen.

Ich wünschte ich könnte jeden Tag wie ein Kind erleben, ohne Vergangenheit, ohne Bezugspunkt, ohne Vergleich. Wäre das nicht Freiheit? Freiheit von den Personen der vergangenen 15.360 Tage?

DER LICHTSCHALTER

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Buch ChinmayanandaIrgendetwas war nicht so gelaufen, wie ich es mir vorgestellt hatte. Mich quälte ein Schmerz im Inneren meines Körpers. Auf der Suche nach Befreiung davon nahm ich das Buch “At every Breath a Teaching” zur Hand, blätterte und las wahllos darin herum, offen, eine Antwort auf eine spürbare Leere in mir zu finden. Ich las ein paar Anekdoten, die in zahllosen Varianten dokumentierten, wie suchende Devotees durch die Klarheit des Swamis Verständnis und Unterscheidungskraft gewannen.

Ich schlug das Buch wieder zu und betrachtete das Bild des lachenden Swami Chinmayananda auf dem Cover. Ich trat in einen inneren Dialog mit ihm. Wer führt mich eigentlich? Wo ist mein Meister? Welcher Meister kann mich leiten? Ich bin blind und ahnungslos. Ich blickte den Mann, den ich nie leibhaftig kennengelernt hatte, fragend und flehend an und spürte ein tiefes Vertrauen zu ihm. Seine Weisheit, die Fähigkeit, das Wissen um das Selbst, um Gott und die Formen Gottes in sich selbst anzuwenden, sprachen aus dem lachenden Bild von ihm.

Er fragte mich, wer fühlt den Schmerz? Wo liegt der Schmerz? Ich kannte die Antwort, in meiner Person. Und wer bin ich? Nicht die Person! Immer noch lachte mich der Swami an.

Plötzlich verstand ich, dass ich den Schmerz annehmen musste, akzeptieren musste, nicht als Teil von mir, sondern als Teil der begrenzten Erscheinung als Person. Augenblicklich war der Schmerz verflogen. Als hätte jemand das Licht eingeschaltet, und die trügerischen Schatten des Raumes waren verschwunden. Ich lächelte gerührt und dankbar zurück zu dem Meister, dessen Güte, Zuversicht und Weisheit sich selbst durch ein einfaches Foto transportiert hatten.

Es gibt weder Schmerz noch Leere noch Mangel in mir ohne auch Glück, Fülle und Überfluss. Alles ist in mir, auch wenn nicht alles gleichzeitig manifest und erfahrbar ist für meine Erscheinung als Mensch. Ich kann dankbar sein für jede Erscheinung deren Zeuge ich werde, selbst für den Schmerz oder das Gefühl des Mangels, denn sie sind es, die meine Erfahrung von Fülle und Glück erst ermöglichen.

Dank allen Meistern!

SPIEGEL KLEIDERSCHRANK

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Hemd
ZEIGE MIR DEINE KLAMOTTEN,
UND ICH SAGE DIR
WER DU GLAUBST ZU SEIN.

Beim Blick in meinen Kleiderschrank stelle ich fest, dass ich viel zu viele Klamotten habe. Es ist ein farblich formelles Durcheinander, das von einer gewissen Funktion abgesehen dafür herhalten muss, meiner Umwelt jeden Tag Aufschluss darüber zu geben, wer ich bin, wofür ich stehe und wie ich mich fühle.

 

KOMMUNIKATION UND IDENTIFIKATION

Kleidung ist ein Kommunikations- und ein Identifikationsmittel, ob ich mich täglich anders anziehe oder jeden Tag in den selben Klamotten rumlaufe, wie die Sadhus auf Indiens Straßen, die ihr Leben als Bettelmönche in ein oranges Tuch gehüllt führen. Ihr auffälliges Gewand sagt den Menschen schon von weitem, für welchen Lebensstil sie sich entschieden haben.

Wer mal in den Spiegel gucken will, tiefer als nur auf die Oberfläche seines Körpers, kann einmal genauer in seinen Kleiderschrank gucken und herausfinden, welche Personen sich da so aktuell verstecken und welche in den Tiefen des Schrankes verborgen sind. Vielleicht kann man auch entdecken, welche Person vor fünf oder zehn Jahren darin gewohnt haben und ob es noch dieselbe ist.

Der Kleiderschrank ist ein Spiegel unserer Selbstwahrnehmung. Unser jeweiliges Erscheinungsbild und damit der Inhalt unseres Kleiderschrankes passen sich im Laufe der Zeit den sich ändernden Meinungen und Überzeugungen unserer Person an.

Obwohl ich bei meinem letzten Umzug schon großzügig Teile meines Kleiderdepots ausgemistet, verschenkt und gespendet habe, füllen immer noch oder schon wieder zahllose Stücke die knapp 2 Kubikmeter meines Schrankes. Welche Personen gibt er im Moment her? Nach meinem dreimonatigen Ausflug nach Südindien bilden traditionelle, kunstvoll verzierte Stehkragenhemden in kurz und lang die hippe Cheerleadergang der Klamottenklasse, gefolgt von Funktionskleidung für Yogalehrer und –praktizierende in einschlägigen Farben, weiß und gelb. Nach Schwarz-Gothic-Düsterteilen muss ich schon tiefer graben, die Häute des Vertriebler-Medien-Fuzzis hängen seit einem Jahr unangetastet auf der Stange im Nebenschrank und warten auf Gelegenheit, wieder durch die Welt spazieren zu dürfen, genauso wie ein Trainingsanzug, der nur wenige Male das Innere eines Box-Centers gesehen hatte. Anscheinend gibt es einige Teile meiner Persönlichkeit, von der ich mich nicht oder noch nicht trennen möchte.

Aber es ist nicht nur das was sondern auch das wie viel, das etwas über die eigene Person aussagt. Ich finde Jacken über Jacken. Windjacken, Übergangsjacken, Ski-Jacken, Segel-Jacken, Lederjacken, unzählige Lederjacken, lange, kurze, schwarze, braune, blaue, grüne, Mäntel in allen erdenklichen Formen und Farben. Ich könnte damit eine ganze Fußballmannschaft über den Winter bringen. Getragen habe ich davon im letzten Winter genau eine. Dasselbe Spiel mit Hosen, Hemden und Pullovern, Socken und Unterwäsche. Und Schuhe, mein Schuhregal beherbergt alles, was man sich nur vorstellen kann. Gummistiefel, Bergsteigerschuhe, Wanderschuhe in hoch, Wanderschuhe in tief, Stiefel, Stiefeletten jeweils in grob und in elegant, Badelatschen, Sneaker in hoch und tief in orange, blau, grün, gelb, bunt, rot mit drei Streifen, mit Katzen drauf oder geschwungenem Bogen, die Lack- und Schnöselschuhe nicht zu vergessen, die zur Sicherheit aufgedruckt haben, was sie ausdrücken sollen.

SICHERHEITSSTREBEN

Hier offenbart sich ein weiterer Aspekt, der bei der Bestückung unseres Kleiderschrankes mitspielt. Der Drang danach, sich abzusichern, gewappnet zu sein, für jede mögliche Wendung im Außen aber auch im Inneren, die da kommen möge. Aber wie groß können die Wendungen schon sein, die uns heimsuchen und überraschen könnten, und in welcher Schlagzahl erscheinen sie? Ist es zu erwarten, dass ab morgen alle Geschäfte schließen werden und eine mehrjährige Eiszeit ausbrechen wird? Gut vorbereitet darauf wäre ich jedenfalls.

So stehe ich nun heute Morgen vor dieser bunten Ansammlung von Identitäten, Informationsschildern und Sicherungsmaßnahmen und habe den unbändigen Drang, auszumisten. Was sagt mir das wohl über meine Selbstwahrnehmung?

NEUES ICH

So bereitwillig wie wir uns von alten Klamotten trennen, geben wir nach und nach auch die Personen auf, die wir einst glaubten zu sein. Von Zeit zu Zeit lieben wir es, uns neu zu erfinden. Wenn das so ist, warum kämpfen wir dann in der Gegenwart so erbittert darum, unsere aktuelle Person gegen alles was von ihr abweicht zu verteidigen und zu behaupten, kämpfen um ihr Recht? Warum fällt es uns so schwer, unsere Person als das anzunehmen was sie ist. Ein zeitlich begrenztes Sammelsurium aus Erfahrungen, sich ändernden Vorlieben, Abneigungen und Meinungen und Überzeugungen. Was interessiert mich mein Gequatsche von gestern? Genau! Was interessiert mich mein Gequatsche von heute!? Das fragt kaum jemand.

Jede Überlegung führt mich unausweichlich zur Frage, wer bin ich wirklich, wenn nicht die verschiedenen sich ändernden Personen, die durch mein Leben und meinen Kleiderschrank ziehen? Können wir unser eigentliches Selbst neu erfinden oder ist es nicht einfach da, immer gleich, egal welches Kleidungsstück unseren Körper ziert?

Es ist gut und richtig. Wir identifizieren über die Kleidung Menschen, die zu unserem gegenwärtigen Bewusstseinszustand passen. Nichts ist anstrengender, als von Menschen umgeben zu sein, die einen gänzlich anderen Film fahren. Aber nichts kann einem mehr Inspiration bringen. Einen schönen Tag und viel Freude beim Betrachten Deines Kleiderschrankinhaltes.

SONNE – MOND – MENSCH

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Sun and the MoonNachts erhellt das Licht des Mondes die Erde. Es hat allerdings nur den Anschein, als käme das Licht vom Mond.

Wenn das Licht, das die Fähigkeit hat, die Dinge sichtbar zu machen,  zwischen Erde und Mond sich umschauen würde, könnte es sagen, ich komme vom Mond. Ich muss der Mond sein, der Mond ist mein Ursprung. Ich, der Mond, erleuchte die Welt. Wenn der Mond zerstört wird, höre ich auf zu existieren.

In Wahrheit ist der Mond aber nur ein Spiegel, der das Licht der Sonne reflektiert. Das Licht sieht seinen wahren Ursprung, die Sonne, nicht, wohl aber den Spiegel, den Mond, und die Objekte auf der Welt, die es erhellt.

Genauso ist es mit dem menschlichen Bewusstsein. Es ist gespiegeltes oder reflektiertes Bewusstsein, wie gespiegeltes, reflektiertes Licht.

Der Spiegel ist nicht wie beim Mond aus Stein, sondern es ist unser Geist, es sind die Instrumente unserer Psyche, umgeben von Energie, Fleisch und Blut. Der Punkt bis zu dem wir unser Bewusstsein zurückverfolgen können ist unser Geist. Wir lokalisieren ihn innerhalb unseres Körpers. Daraus schließen wir, wir sind der Geist, oder gar, wir sind der Körper. Wir glauben wir sind was wir denken, fühlen und darstellen.

Das ist ein dramatischer Trugschluss. Das Gestein des Mondes ist  lediglich ein Vehikel für das Licht, die Welt nachts auch auf seiner dem Licht abgewandten Seite zu erhellen, nicht mehr und nicht weniger. Wenn der Mond aufhörte zu existieren, würde die Erde nachts zwar dunkel bleiben, aber das Sonnenlicht wäre immer noch existent und würde sich nach wie vor in den unzähligen jeweils manifesten Objekten der Welt spiegeln.

Unsere grob- und feinstofflichen Körper (Körper und Geist) sind ebenfalls Vehikel für ein und dasselbe Bewusstsein, die Welt wahrnehmen zu können und in ihr agieren zu können. Wenn ein Körper aufhört zu existieren, erfahren wir die Welt zwar nicht mehr durch dessen körpereigenen Sinnesorgane, aber wir hören nicht auf zu existieren. Wir existieren weiterhin als unendliches, ewiges Bewusstsein, gespiegelt in jedem Wesen der Welt.

Wir sind wie das Licht von der Existenz des Mondes als Bewusstsein von der Existenz einer individuellen Person, von der Zeit, von Leben und Tod unabhängig. Unser Bewusstsein bedient sich zahlloser menschlicher, tierischer und pflanzlicher Körper, um am Spiel des Lebens teilhaben zu können. Deshalb kann man sagen, alle Wesen, ob Pflanzen, Tiere oder Menschen, sind Geschwister.

Wenn wir es lernen, unsere menschliche Identität als das zu sehen was sie ist, nämlich  eine sekundäre, temporäre Identität, dann sind wir als Menschen der Selbstverwirklichung schon recht nah und dem Verständnis darüber, dass wir tatsächlich alle Eins sind, dass, wenn wir jemand anderes verletzen, wir uns nur selbst verletzen, dass was wir in anderen sehen, wir selbst sind.

Lächeln wir uns doch öfter mal selbst zu, im Spiegel unserer Person oder auf der Straße den anderen. Kümmern  wir um uns und das Geschenk der Welt und des Lebens. Es ist tatsächlich unsere Welt, und als Menschen haben wir die Wahlfreiheit und die Verantwortung, welche Impulse wir in sie hineingeben wollen.

Alles in der Welt, jedes noch so kleine Ding besteht aus Materie, die nach einem bestimmten Bauplan zusammengesetzt ist und eine bestimmte Funktion im Gefüge aller Objekte der Welt ausfüllt. Man kann also sagen, jedes Ding im Universum ist aus Wissen plus Materie gemacht. Wissen ist untrennbar von Bewusstsein. Ohne Bewusstsein kann es kein Wissen geben. Deshalb kann man schlussfolgern, dass der Ursprung all dessen, was wir im Universum wahrnehmen können und auch alles andere, reines Bewusstsein ist, das wie ein Samenkorn, alle erdenklichen Baupläne des Lebens in sich trägt. Diese Baupläne können sich manifestieren und wieder auflösen. So wie es alle Dinge in der Welt tun. Sie werden geschaffen, existieren, und vergehen. Und auch das Wissen um die Interaktion all dieser Objekte zu dem fantastischen Schauspiel, dass wir jeden Tag neu bezeugen können, wenn die Sonne aufgeht und ein neuer Tag beginnt. Ohne Bewusstsein, würde die Welt nicht existieren. Nichts und niemand würde seine Existenz bezeugen. Existenz ist mit Bewusstsein und Wissen untrennbar verbunden. Alles was wir mit Sicherheit von uns als individuelle Wesen sagen können ist, dass wir existieren und dass wir wissen. Wir sind uns dessen bewusst.

Wenn das Bewusstsein sich der Körper bedient und ein individuelles, gespiegeltes Bewusstsein erzeugt, wird dieses Bewusstsein zum Licht, das die Welt erleuchtet. Das Licht erleuchtet die Welt, nicht der Mond. Das Bewusstsein erleuchtet die Welt, nicht der menschliche Körper.  

Die Nacht steht für Unkenntnis. Unkenntnis darüber, das das Licht/Bewusstsein und alle Formen die es in der Welt reflektieren seinen Ursprung und ihre tatsächliche Identität in eben diesem Licht/Bewusstsein haben und untrennbar mit ihm verbunden sind.

SÜDINDIEN – TAG 14 – SILVESTERNACHT

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Foto am 01.01.15 um 18.11 #2

Als ich in der lauen Silvesternacht vom Dach unseres Appartmenthauses in Tiruvannamalai aus den strahlenden Mond, die vorbeiziehenden zarten Schleier der Wolken und den stolz am Himmel thronenden Orion betrachte, lasse ich meine Gedanken ins kommende Jahr schweifen.

Weder Wehmut ob des Vergangenen, noch Sorge um das Kommende begleiten mich zu diesem Jahreswechsel. So klar wie die Himmelskörper ihr Licht zur Erde schicken so klar spüre ich tiefe Zufriedenheit in mir.

Ein angenehmer Wind streicht sanft über mein Gesicht. Unten auf der Straße am kleinen Shiva-Schrein hat jemand zur Feier des Tages eine riesige Lautsprecherbox an sein Handy angeschlossen und beschallt das ganze Viertel mit einem fürchterlich übersteuert schreienden Mix aus traditioneller indischer Musik und Höhepunkten der westlichen Chart-Kultur. “Who let the dogs out!?” ist Anbetracht der zahlreichen Kläffer rund um unser Haus eine berechtigte Frage. “We will we will rock you” und “I’m blue dadadidadidau…” werden stundenlang unermüdlich mit einer Besonderheit rauf und runtergespielt. Der besondere künstlerische Ansatz unseres indischen DJs besteht dabei darin, jedes Lied maximal 8 Sekunden anzuspielen und dann direkt zum nächsten zu springen. So als würde er sein Handy nach irgendetwas durchsuchen, und alle Nachbarn im Viertel dürfen daran teilhaben. Die Geräuschkulisse stört mich nicht weiter. Sie bildet einen kreativen Soundtrack zu dem friedlich dahinziehenden Schauspiel oben am Firmament.

 “Was fehlt?” Diese Frage stellte Ananta immer wieder in seinen beiden Satsangs, die er bei uns im Haus gehalten hatte. Was fehlt genau jetzt? Nichts! Alles ist perfekt wie es ist.

Ich male mir verschiedene berufliche Szenarien für das kommende Jahr aus und schaue im Lichte der Silvesternacht auf das Blatt Karten in meiner Hand. Welche davon würde ich wohl ausspielen?

Da war die Karte auf der “Vedanta-Lehrer” stand. Jemand hatte mir vor einigen Jahren die Frage gestellt, wer bist Du? Ich konnte beim besten Willen keine Antwort auf diese Frage finden. Und da mir die Person darauf ebenfalls keine Antwort gab, blieb sie wie ein Samen in meinem Unterbewusstsein und suchte nach einer Antwort.

Vedanta, die Wissenschaft um das Selbst, ließ wie Wasser, Dünger und die liebevolle Pflege in Einem, aus dem Samen einen prächtigen Baum wachsen, fest verwurzelt in der Erde, wie das Wissen, dass ich heute über mein Selbst habe. Es ist schon amüsiert wie wir versuchen mit begrenzten Worten, Bildern und Konzepten versuchen, das Unendliche zu beschreiben und zu greifen. Das durch Vedanta enthüllte Wissen um das unendliche Selbst arbeitet als Instrument, mich, die Welt und alles darin besser zu verstehen, fried- und liebevoll zu agieren und innerlich und äußerlich in Liebe zu verweilen, welche Gestalt auch immer meine Umgebung gerade einnehmen mag. Nicht die Welt sondern unsere Betrachtung der Welt entscheidet darüber, ob wir uns wohl fühlen oder nicht.

Es war die Suche nach der Befreiung vom Leid, die mich mit Mitte dreißig auf diesen Weg der Selbsterforschung geführt hatte. Mehr Freude, weniger Leid waren die Ziele. Ich habe dem Weg bisher zahlreiche schöne, befreiende Momente erlebt. Momente der Gottverbundenheit und der Verbundenheit mit allem um mich herum, Momente der inneren und äußeren Vergebung, der Dankbarkeit und Hingabe. Ich habe erlebt, wie meine Gefühle immer weniger von den Erscheinungen in der Welt in die Höhe gehoben oder in die Tiefe gerissen wurden. Es scheint sich eine gesunde Distanz zwischen dem eigenen Gefühlslebens und den Erscheinungen in der inneren und äußeren Welt entwickelt zu haben, welche mich ruhig, friedvoll und zufrieden sein und bleiben lässt.

Manchmal habe ich das Gefühl, die Geschichte, die auf der Leinwand vor meinem geistigen Auge abläuft und die von vielen als Realität bezeichnet wird, nicht mit der angemessenen Aufmerksamkeit zu verfolgen. Es ist dann so als würde ich teilnahmslos aus dem Augenwinkel eine Geschichte verfolgen, die grad’ im Fernsehen läuft. Dann beobachte ich mich selbst, wie ich unaufmerksam beobachte…

Unterscheidungskraft und Leidenschaftslosigkeit sind die aus yogischer Sicht erstrebenswerten Eigenschaften des Geistes, welche ich in den letzten Jahren kultiviert und mir offenbar zueigen gemacht hatte.

Doch niemals erreichen wir als Person einen finalen Zustand, auch wenn wir das gern täten. Wenn ich mich früher mit den Erfolgen in meinem Beruf identifiziert habe, mit meiner Art Partys zu feiern oder Musik zu machen, so sind es heute Leidenschaftslosigkeit und Unterscheidungskraft mit denen ich mich identifiziere. Ich habe die Werte meines weltlichen Ichs zugunsten derer eines spirituellen Ichs aufgegeben und erfreue mich nun an dessen Früchten, genau wie zuvor an den Früchten meines früheren Treibens.

Was ist der Unterschied? Der Unterschied, den ich wahrnehme ist, dass inzwischen Zufriedenheit und Frieden in meinem Geist dominieren. Verzweiflung, Ärger über Verluste oder Dinge, die nicht wie erwartet eintreten, Ärger über das Verhalten von Mitmenschen, Sorgen um die Zukunft, Reue über die Vergangenheit, all diese Spieler sind so gut wie verschwunden von der Bühne in meinem Inneren, oder sie sind einfach soweit in die ferne gerückt, das ich sie kaum noch wahrnehme. Meine Lebensqualität hat sich, seit ich auf dem spirituellen Weg unterwegs bin, deutlich verbessert. Ich habe nicht ständig das Gefühl, dass etwas fehlt und bin zufrieden mit dem was ich habe und bin.

Aber wo führt dieser Weg hin, wo kann er überhaupt hinführen. Doch nur zu weiteren Erfahrungen, die mich als Person versuchen, mich mit ihnen zu identifizieren. Der Geist und das Ego wollen Rollen annehmen, die uns das Leben angenehmer gestalten, und gut ist niemals gut genug. Ist es überhaupt möglich dieses Programm zu umgehen? Wohl kaum. Selbstverwirklichung heißt nicht, ständig Happy zu sein. Das Glücklichsein ist lediglich ein Zustand, der in unserer Person erscheint und wieder geht. Selbstverwirklichung heißt Vollkommenheit.

Die Menschen werden mit der Verheißung andauernden Glückes auf den spirituellen Weg geführt. Aber das bedeutet nicht, dass wir dann permanent breit grinsend durch die Welt laufen. Vedantalehrer James Swartz gab mir gegenüber kürzlich zu, es gäbe für ihn persönlich nichts Langweiligeres, als ständig nur glücklich zu sein. Das Leben bestünde nicht nur aus Licht. Erst die Schatten würden im Zusammenspiel mit dem Licht die Würze des Lebens ausmachen. Das bedeutet für mich eine Aufforderung, zu leben, Fehler zu machen, das Leben auszutesten, Glück und Unglück zu erfahren, zu betrachten und dabei niemals zu vergessen, dass wir nicht diese wechselnden Zustände sind, sondern der unveränderliche und von ihnen unbeeinflussbare Zeuge ihres Kommens und Gehens.

Was fehlt? Nichts fehlt. Das Wissen um das Selbst ist ein wertvoller Schatz, der mir durch Vedanta enthüllt wurde. Aber was fange ich nun mit diesem Schatz an? Die Vorstellung als Lehrer, anderen Suchenden bei der Entdeckung und Bergung ihres Schatzes zu helfen, erscheint mir hier auf dem Dach liegend mit Blick in den Sternenhimmel Indiens plötzlich völlig reizlos. Diese Karte wird wohl in meiner Hand bleiben. Ich denke, es war mein Ego, das mich gern in einer lehrenden Position gesehen hätte und gern die Lehre als Instrument missbraucht hätte, ihm Respekt, Dankbarkeit und Anerkennung der Mitmenschen zu verschaffen. Aber ich brauche und will nichts davon. Es gibt kein Gefühl des Mangels in mir. Nichts fehlt.

Die Zeit in der ich mich intensiv mit Vedanta beschäftigt habe, kommt mir vor wie ein innerer Frühjahrsputz. Ich habe mein Innerstes aufgeräumt, meine Hausaufgaben gemacht und fühle mich bereit, mich wieder mehr der Außenwelt zuzuwenden.

“Wo Deine Talente auf die Bedürfnisse der Welt treffen, dort liegt Deine Berufung!” Wieder hole ich diesen Spruch in mein Gedächtnis. Ich brauche mehr Zeit, mehr Aufmerksamkeit auf meiner Suche nach meiner Aufgabe für die kommenden Jahre. Meine Suche ist eher eine passive Suche. Ich bin überzeugt, dass sich mir zum richtigen Zeitpunkt zeigen wird was zu tun ist. Ich bin dankbar dafür, mir diese Zeit mit der Indienreise geschenkt zu haben und beobachte erstaunt, wie der Blick auf Deutschland und mein Leben dort aus dieser entfernten Perspektive die Dinge in mir neu sortiert.

“Wo siehst Du Dich in fünf Jahren?” Solche Fragen habe ich mir früher gern zu Beginn neuer Lebensabschnitte gestellt. Als Antwort wurde von mir meist ein materielles Gefüge beschrieben in dem ich mich in der Zukunft sah und das meinem veranlagten Streben nach Sicherheit, Vergnügen und zuletzt dem Wunsch etwas beizutragen Ausdruck verlieh. Ich hatte die vier Bestrebungen, die vier Hauptmotivationen der Menschen, immer als evolutionäre Schritte gesehen. Erst Sicherheit und Routinen schaffen, dann Vergnügen und Regenerationsmöglichkeiten, dann etwas uneigennützig zum Ganzen beitragen und letztlich die Befreiung von allen Bindungen in der Welt. Für ein angenehmes Leben ist es wohl auch hier die Mischung, die es macht. Aber ist ein angenehmes Leben alles was erstrebenswert ist? Meine Gedanken verlieren sich.

Wie leicht es ist, in Deutschland gutes Geld zu verdienen. Ich war früher ein talentierter Cutter. Die Redakteure schätzten meine Ruhe, Schnelligkeit, Kreativität und mein inhaltliches Gespür nicht nur beim Finden der Schlusssätze für ihre Beiträge, die unter Zeitdruck fertig werden mussten. Obwohl ich die letzten knapp zehn Jahre im Produktions- und Redaktionsmanagement tätig war, wäre es mir ein Leichtes, diese Fähigkeiten zu reaktivieren und in Köln auf Tagessatzbasis sehr gutes Geld zu verdienen. Von dem was ich dort an einem Tag als freier Cutter verdiene, könnte ich in Indien einen ganzen Monat wie ein König leben.

Warum nicht eine Zeit des harten Arbeitens in Deutschland einschieben, ein finanzielles Polster schaffen für ein Mehr dieser so angenehmen Zeit fern ab allen westlichen Stresses? Eine ganz neue Karte erscheint plötzlich in meiner Hand. Ist sie etwa Ausdruck des immer noch in mir stark verwurzelten Strebens nach Sicherheit? Finanzieller Sicherheit? Es fühlt sich schon sehr gut an, hier in Indien mit den Taschen voller Rupien von einem Tag in den anderen zu leben und sich ausschließlich mit sich selbst zu beschäftigen. Aber ist das die mir zugedachte Aufgabe in diesem Leben? Das wäre schon eine ziemliche Verschwendung von Ressourcen, oder?

Wie tief ich auch in mein Inneres schaue, ich kann einfach keinen Missionar darin entdecken. Ich denke an die Beratung durch den vedischen Astrologen zurück. Ich würde in Kürze etwas finden, womit ich Menschen bei ihrer Transformation helfen würde und was für mich auch zur Lebensgrundlage werden würde. Und es wäre etwas anderes als ich denken würde, was seine Wurzeln in etwas sehr Altem, Traditionellem hätte. Und ich würde es noch während dieser Reise in Südindien entdecken. Da bin ich ja mal gespannt.

Dass sich mein Interesse an dem aus Deutschland mitgebrachten Blatt Karten in meiner Hand hier langsam auflöst, ist  interessant zu beobachten. Obwohl ich nicht den geringsten Schimmer habe, was ich demnächst so tun werde, spüre ich keine Ungeduld in mir, keine Leere, keine Sehnsucht oder Sorge, nicht die kleinste den Magen zusammen ziehende Regung in mir. Es amüsiert mich, wenn ich daran zurückdenke, mit welchem Eifer ich früher an solchen Wendepunkten in meinem Leben, Pläne für die Zukunft geschmiedet hatte.

Was ist eigentlich mit der Karte auf der Musiker steht? Als Kind hatte ich mir immer gewünscht einmal wie Dave Gahan singen und Martin Gore komponieren zu können und genau wie sie, “Music for the masses” zu machen. Das Musizieren war stets ein wichtiger Teil meines Lebens. Es half mir, mich auszudrücken und in meiner Harmonie zu bleiben. In letzter Zeit ergaben sich tatsächlich einige Möglichkeiten, das mit anderen Menschen zu teilen, und offenbar kam es auch gar nicht so schlecht an. Singen und Musizieren könnte ich ständig, und ich merke, dass irgendwo tief in mir der Wunsch aus der Kindheit noch wach ist und auf seine Verwirklichung wartet. Vielleicht ist die Musik ja mein Instrument, das Wissen um das Selbst, was so wichtig für jeden Menschen sein kann, zu transportieren? Oder sind es doch die Filme, die ich machen kann, oder eine Mischung aus beidem?

Ich wende mich dem Göttlichen zu, mir ein Zeichen zu senden, damit ich bei der Auswahl meiner nächsten Tätigkeit den rechten Weg einschlage und der Kreation statt meinem Ego zu dienen.

Es erscheint die Karte, allein mit Harmonium und Gitarre durch Deutschland zu ziehen, ohne eigenes Heim und weiteren Besitz, in meiner Hand. Es gibt zahlreiche Suchende in Deutschland. Die Menschen spüren, dass unsere Gesellschaft aus dem Gleichgewicht gefallen ist und suchen nach Harmonie. Diese Harmonie muss in ihnen selbst beginnen. Wer in sich aufgeräumt hat, kann auch die Welt um sich herum aufräumen. Ich liebe die Musik und ich liebe das Wissen um das Selbst, das eins ist mit dem Selbst und Ausdruck seiner unendlichen Kreativität, Verlässlichkeit, Fürsorglichkeit und Liebe. Welchen schöneren Tätigkeitsbereich könnte es geben, als den Herzen und dem Verstand der Menschen liebevolle Zuwendung zu geben? Ich begebe mich zu Bett. Es ist 21:30 indischer Zeit, und ich werde dieses Silvester mit der Hilfe von Ohropax friedlich ins neue Jahr schlummern.

7:30 Uhr am Neujahrsmorgen wache ich auf. Ein kurzer Test, ja, der DJ draußen ist immer noch am Start. Petra und ich beginnen den Tag mit einem Frühstück und erkunden dann den großen Tempel von Tiruvannamalai. Irgendwie bin ich grad’ im Kaputtmachmodus. Gestern rutscht mir mein Handy übers Kopfkissen und knall auf den Steinboden. Das Display kann ich noch mit durchsichtigem Klebeband retten, dann breche ich heute fast den Griff meiner Kamera ab, vergesse als es anfängt zu regnen, dass sie noch für eine Zeitrafferaufnahme der  über den Arunachal ziehenden Wolken auf dem Dach habe stehen lassen,  ich ramme mit unserem Scooter eine Riksha und verliere dann auch noch mein Handy auf dem Weg Mittag. Fahre den ganzen Weg zum Tempel zurück und finde es dann friedlich mitten auf der Kreuzung vor dem Laden in dem wir essen werden  wieder. leider hat der zweite Sturz nun auch das Innere des Displays zerstört, aber immerhin habe ich noch meine Simkarte mit den 6GB Internet drauf und die aus Deutschland, die mit Gaffa ans Handy geklebt ist. Ich sollte mich die nächsten Tage einschließen!

Als Petra und ich unseren kleinen Abend-Satsang auf dem Dach abhalten, kam Adi dazu. Adi studiert seit 1 1/2 Jahren Vedanta in einem Dayananda-Ashram. Da ich ebenfalls mit dem Gedanken gespielt habe, mich einer solchen Intensivausbildung zu unterziehen, bin ich begierig, aus erster Hand etwas über diese Ausbildung zu erfahren. Adi ist eher der rajasige Typ, er redet in Lichtgeschwindigkeit und hat die Energie von tausend Duracell-Häschen. Er studiert bis zu zehn Stunden täglich mit dem Ziel, Moksha zu erreichen. Was Moksha für ihn bedeute, frage ich. Er überlegt kurz und meint, wenn sein Geist vollständig aus seiner primären Identität des Selbst heraus operieren würde. Im Verlauf des Gespräches erfahre ich, dass es in dem intensiven Studium darum geht, schrittweise auf Grundlage der alten Schriften die Unwissenheit um das Selbst zu beseitigen und zum anderen den eigenen Geist zu trainieren, ihn quasi umzudrehen, zum bewussten Instrument des Selbst zu machen, dass sich selbst vollständig damit identifiziert. Es fällt mir schwer, Adi zu folgen. Ob das denn nötig sei, frage ich ihn. Ob es denn nicht reiche, zu wissen, dass man neben der Identität als Mensch die übergeordnete Identität des Selbst hätte und man die Person machen lassen könne was sie wollte, es würde ja nichts an der primären Identität ändern… Nein, nein, sagt er, das würde eine Falle sein, die, wenn man da hineintritt, irgendwann dazu führte, dass man aufwacht und sich fragt, was tut ich eigentlich, und dann müsse man wieder on vorn anfangen mit seiner Arbeit auf dem Weg zur Befreiung. So ganz kann ich das nicht nachvollziehen, ich fühle mich eigentlich ganz wohl, so wie ich grad bin und muss daran denken, dass keine Handlung, die ein Mensch tun kann, das Potential hat, ein unbegrenztes Ergebnis zu erzielen. Wie könnte unser begrenzter Geist durch ein Studium Gottes Perspektive einnehmen. Dieses Geschenk wird vielleicht einigen Menschen, die es zur Bewältigung ihrer Aufgabe im Leben brauchen per göttlicher Gnade zuteil, aber dass man sich diese Erfahrung per Studium und Geistestraining aneignen können soll, ist für mich heute Abend schwer vorstellbar. Der Gedankenaustausch endet abrupt. Petra hat Hunger. und so packen wir unsere Yogamatten, den Tee, die Kirtanhefte, das Räucherzeug, die Öllampe und das Aratischwenker ein und gehen in unser Apartment.

Als ich dort versuche nun doch noch den kleinen WLAN Adapter, den man mit einer Simkarte füttern kann in Gang zu bekommen, breche ich die Kontaktstifte in dem Teil ab, so dass er meine Siamkarte nicht mehr lesen kann. Ist das nicht crazy? Was mir das wohl wieder sagen soll. Ich  hab es schon gemerkt, dass ich in so eine Phase rutsche. Verpeiltheit hoch zehn. Nunja, jetzt zu später Stunde habe ich es geschafft, mit Draht, meinem Letterman, Gaffa und einer leeren Schachtel Tic Tac den kleinen WLAN-Router trotz abgebrochener Kontakte zum Laufen zu bringen, und auch den MAC so einzustellen, dass er mit dem Teil zusammenarbeitet. Man muss nur ausreichend motiviert sein, dann klappt alles. Ist das die Lektion hinter dieser kleinen Zerstörungswelle? Ich hatte schon früher vergeblich versucht, dem Teil Internet zu entlocken. Nun, jetzt funktioniert es, und ich kann hier meinen Reiseblog mit Wörtern füllen.

Jetzt bin ich müde. Gute Nacht!

SESAM, ÖFFNE DICH!

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This morning I thought about, that it always says in the Yoga, “Look inside! There lies the treasure that you’ve always been looking for …” That’s true. But when we discovered it there, we can also look back to the outside, where we see, if we are looking to the bottom of things, nothing more than the same treasure that we see and feel, when we are looking deeply within ourselves. Finally we will see only treasures around us. The initial look inside seems to have the same quality as the magic words “Open Sesame!” It leads us to an unlimited treasury.

Heute Morgen dachte ich darüber nach, dass es ja im Yoga immer heißt, “Schau nach innen! Da liegt der Schatz, den Du schon immer gesucht hast…” Das ist wahr. Aber, wenn wir ihn dort entdeckt haben, können wir auch wieder nach außen schauen, dort sehen wir nämlich, wenn wir den Dingen auf den Grund schauen, nichts anderes als denselben Schatz, den wir sehen und spüren, wenn wir tief in uns selbst schauen. Irgendwann sehen wir nur noch Schätze um uns herum. Der anfängliche Blick nach innen hat die selbe Qualität wie die magischen Worte “Sesam, öffne Dich!” Er führt uns in eine unbegrenzte Schatzkammer.