Reisebericht

SÜDINDIEN – TAG 56 – GURU WANTED!

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Allein, Allein…

Meine Reisebegleiterin und Freundin Petra hatte ich vor einigen Tagen nach Bangalore begleitet. Sie ist von dort wieder ins kalte Deutschland und sicher direkt in die Arme ihres sehnsüchtig wartenden Freundes geflogen. Die gemeinsame Zeit mit ihr ist zum Ende hin richtig gerast. Wenn man Spaß hat und in angenehmer Gesellschaft ist, vergeht die Zeit scheinbar doppelt so schnell. Meine neue Mitbewohnerin ist Sita, die musikalische Katze!

Mir bleiben noch zwei Wochen Sonne und Zeit, mein zehnwöchiges Experiment “Klarheit durch Abwesenheit” erfolgreich zu beenden.

Bangalore

Bangalore

Bangalore war eine interessante Erfahrung. Es gibt sie wirklich, die großen westlichen Malls, in Bangalore zumindest. Alles was mein Herz nicht begehrt gibt es dort, jede Marke, die man auch in deutschen Einkaufspalästen findet. Abends auf der Straße und dem Heimweg vom Pizza-Hut ins Hotel wurde mir ungefragt erst von einem Taxifahrer und dann von einer zwielichtigen Gestalt mit gesenkter Stimme und verschwörerischem Blick, die plötzlich dicht neben mir lief, der kostenlose Transfer zu schönen Ladies angeboten. Hallo? Sehe ich etwa so bedürftig aus!?

 Was das Herz begehrt

Was mein Herz begehrt ist das Besondere, kein mir auf der Straße hinterhergeworfener fragwürdiger Dienst am Manne. Und ich bin in Bangalore fündig geworden, am nächsten Tag und in einem etwas angestaubten Etablissement. Das nicht ganz billige Vergnügen konnte ich immerhin mit Kreditkarte bezahlen. Das Objekt der Begierde versprach zahllose Stunden der Freude und mindestens der Zweisamkeit. Mein neues, blondes, handliches, flachlegbares BINA-Harmonium war endlich zu mir gekommen.

Harmonium

 Im Ramana-Ashram

Während ich nun zurück in Tiruvannamalai im Ashram still um den Samadhi von Ramana Maharshi laufe, denke ich an die Email, die mir Sundari heute morgen geschickt hatte. Sundari ist die wunderbar strahlende Frau an der Seite des von mir verehrten Lehrers James Swartz. Ich hatte sie während des Workshops und während eines Interviews zum Thema “Nondual Relationships” hier in Tiruvannamalai persönlich kennengelernt. Sie schrieb mir heute, dass sie mich als coole, sattvige Person schätze, die alles gelassen annähme, was Ishvara ihr geben würde…

James und Sundari

Es ist nicht schwer, hier in Indien als Westler gelassen zu sein und anzunehmen, was man bekommt. Die Highlights des heutigen Tages waren zum Beispiel:

 Ein ganz normaler Tag in Indien

  1. Ausschlafen
  2. eine Stunde Harmonium spielen und singen
  3. Pancakes machen
  4. die Katze füttern
  5. auf dem Roller zur Post fahren
  6. merken, dass Sonntag ist und die Post geschlossen hat
  7. ins Internetcafe fahren, um festzustellen, dass das Internet zu langsam ist, um irgendetwas zu machen
  8. zu einer Kunstausstellung in einen Park fahren
  9. drei Bilder vom Arunachala für knapp 10€ kaufen
  10. einen Tee trinken
  11. dabei nett mit einem amerikanischen Künstler-Pärchen darüber plaudern, dass man zu den Westlern an diesem Ort schnell einen Draht findet, weil alle dasselbe lieben
  12. drei Bücher von ihrem Verschenktisch abstauben
  13. dabei die äußerst attraktive Franziska aus Deutschland kennenlernen, die ebenfalls ihre Yogalehrerausbildung bei Yoga Vidya im Westerwald gemacht hat
  14. ihr meine Karte in die Hand drücken und wieder nach Hause fahren
  15. eine Stunde Harmonium spielen und singen
  16. ein paar Sonnengrüße machen
  17. Bratkartoffeln mit Sauren Gurken zubereiten, dabei versehentlich auf die Katze treten, die sich die ganze Zeit quengelnd um meine Beine geschlängelt hatte
  18. meine indische Haushälterin und zwei zufällig vorbeikommende deutsche Mädels mit “German Bratkartoffeln” überrschen
  19. zum Nachtisch süße Pancakes reichen
  20. an Franziska denken
  21. eine weitere Session am Harmonium
  22. in den Ramana-Ashram fahren, um hier nun in meiner gestern frisch erworbenen und vom Schneider gegenüber sogleich für nur 24 Cent gekürzten langen schwarzen Hose meine Runden um die golden glänzende Statue des selbstverwirklichten lokalen Helden zu drehen.

Puh, was für eine Hektik!

Ich habe inzwischen bereits meine dritte Runde um das Symbol des Selbst beendet und streife das Feuer des Pujaris über mich, tauche meine Zeige-, Mittel- und Ringfinger in die Asche auf dem goldenen Tablett und zeichne damit drei parallele Linien auf meine Stirn, zwischen die Augenbrauen noch einen roten Punkt gesetzt, der für das Bewusstsein und Wissen steht, welches die drei Körper (Physicher Körper, Geistiger Körper, Kausalkörper) dominiert, sie letztlich auflöst, was durch die drei Aschestreifen symbolisiert wird. Ich steuere einen zentralen Platz vor dem Schrein an, vor mir sitzen Männer und Frauen, die etwas rezitieren. Die neue indische Hose ermöglicht es mir, ohne Probleme, im kreuzbeinigen Sitz auf dem Momorboden Platz zu nehmen, ein guter Kauf! Ich schließe die Augen und lausche dem monotonen und hypnotischen Klang der Stimmen vor mir.

Arunachalabild

 Die Uhr tickt

Wie sattvig (klar, ruhig, in Harmonie, gelassen, weise) wird mein Geist wohl sein, wenn ich mich wieder zurück ins Uhrwerk Deutschland begebe? Wenn wieder Verpflichtungen an mir zerren, Routinen mich vereinnahmen und zahlreiche, unterhaltsam bunte und verführerische Vergnüglichkeiten von allen Seiten her auf mich einwirken werden. Deutschland ist ein Fluss mit einer anderen Strömung, zumindest der Teil in dem ich bisher geschwommen bin. Ist es das wirklich? Vielleicht ist es nicht Deutschland, das anders ist. Vielleicht ist einfach die Rolle, die ich dort einnehme, eine andere. Als reicher Ausländer, zum Beispiel als Inder, mit den Taschen voller Euros lässt sich sicher auch in Deutschland gut in den Tag hineinleben. Wenn der Inder dann irgendwann wieder nachhause müsste, würde er vielleicht auch sagen, ach, in Deutschland lebt es sich so frei… Für mich ist Deutschland das Zuhause, der Ort für meinen Alltag, ein Alltag, der gestaltet sein will, und genau das ist grad’ ein Problem.

Das Erste woran ich denke, wenn ich an Alltag denke, ist die Frage, wo nehme ich demnächst eigentlich so das Geld für meinen Lebensunterhalt her? Es widerstrebt mir so sehr, mich mit dieser Frage auseinandersetzen zu müssen, aber der Blick auf mein Konto sagt mir, dass es so langsam Zeit dafür wird. Worauf wäre ich nicht alles bereit zu verzichten, für noch etwas mehr Freiheit vom Uhrwerk? Gibt es das, mehr Freiheit, ein bisschen Freiheit? Ich glaube nicht.

Freiheit bedeutet nicht, tun zu können was man will, sondern nicht das tun zu müssen, was man nicht will.

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Was ist Zuhause?

Ich muss wieder an Atman Shanti denken, die seit Jahren als Lebens-Künstlerin und Yogalehrerin in ihrem Auto durch Deutschland tingelt und sich nach einem festen Zuhause zu sehnen scheint. Zuhause ist grad’ kein fester Ort für mich. Ich nenne das Apartment in dem ich hier wohne mein Zuhause. Das Zuhause war in Deutschland für mich bisher immer der größte Kostenfaktor. Während ich zuletzt in der Durchgangsstation Hannover noch eine 98qm Wohnung bewohnte, habe ich in Köln meinen über die Jahre sorgsam angehäuften Hausstand immerhin schon so weit reduziert, dass er auf nur noch 40qm passt. Eine sehr schöne kleine Wohnung habe ich da in Köln. Meine Versicherungen habe alle auf das Minimum runtergefahren oder gekündigt… Ich denke wieder an den vedischen Astrologen, der mir sagte, dass Aszendent Waage Menschen wie erfahrene Kaufleute genau wüssten, wie sie erreichen könnte was sie wollen. Das stimmt, das war auch bei mir immer so, aber was will ich jetzt und demnächst? Die Lieferung dieser Erkenntnis könnte nun wirklich so mal langsam vor meinem geistigen Auge erscheinen.

Am falschen Ort?

Was will ich? Was kann ich? Was sollte ich wollen? James Swartz der Vedantalehrer sagte in seinem Workshop hier, von in der Stille sitzen kommt nichts, man muss schon seinen Denkapparat benutzen, wenn man Erkenntnis will. Trotzdem zieht es mich grad’ stark an ruhige, abgeschiedene, meditative Orte wie diese kühle Halle am Fuße des heiligen Berges Arunachala. Ist das eine Art, die Decke über den Kopf ziehen? Ich sehe Dich nicht und deshalb siehst Du mich auch nicht, Du grässliches heimatliches Uhrwerk? Na vielleicht hilft es ja.

Ramana Ahram

Ich bereue es, keine Sitzgelegenheit mitgebracht zu haben. Auf dem harten Boden ist es nicht besonders bequem, und ohne Meditationskissen hängt mein linkes Knie etwas in der Luft. Über mir drehen sich die Ventilatoren und bringen frische Luft nach unten. Als ich die Augen öffne, kommt grad eine Familie auf mich zu, die sich ebenfalls setzen will. Die werden doch jetzt wohl nicht meinen 1A Zentralblick auf Ramana verbauen wollen, registriere ich amüsiert einen egoistischen Gedanken. Neben mir gestikuliert ein Mann und die Familie teilt sich plötzlich auf. Vater und Sohn nehmen links vor mir Platz, Mutter und Tochter rechts. Ich blicke mich um und merke, dass ich mitten in einem Korridor sitze, der offenbar die Männer von den Frauen in dieser Halle trennt. Ich erinnere mich daran, dass hier in den Ashrams hin und wieder die Geschlechter getrennt werden. Auch die vor mir chantenden Männer und Frauen sitzen separiert. Es ist mir etwas peinlich, dass ich mich so ignorant in die Mitte gepflanzt habe und rutsche langsam nach links in die Reihe. Ordnung muss sein, auch in Indien.

 Hallo Echo?

Ich weiß, dass sich alles fügen wird, aber so ein klitzekleiner Hinweis, ein Denkanstoß? Nicht möglich? Hm? Natürlich nicht. Okay, rollen wir das Feld weiter von hinten auf.

Ich will, dass es meinem Jiva (meiner Person) gut geht, weil ich glücklich bin und nicht weil ich glücklich werden will. Was mag mein Jiva? Nun ja, das ändert sich im Laufe der Zeit, aber so grundsätzlich?

Mein Jiva mag es zum Beispiel, täglich warm zu duschen und abwechslungsreich zu essen. Mein Jiva mag Musik und Musizieren. Mein Jiva mag es, zu verstehen und zu erkennen was passiert und was ihm wichtig ist und braucht deshalb auch geistige Nahrung. Mein Jiva mag Nähe und die Gesellschaft netter anderer Jivas. Mein Jiva mag es für sich zu sein. Ja, da haben wir doch schon mal ein paar Zutaten. Da braucht der Intellekt meines Jivas ja nur noch ein leckeres Gericht daraus zu kochen.

Alles nur Show

Ich fühle mich bei diesen Gedanken, wie ein altgedienter, klassisch journalistisch mit allen Wassern gewaschener Moderatoren-Haudegen, der in einem generalüberholten Hip-TV-Channel vor einer Glitzerwand für Teenis die Prominews vorlesen soll. Hat mein Jiva Lust auf so etwas? Offenbar nicht. Und schwupps ist man wieder in der Identifikation mit der Abneigung. Aaaaarrrggggg…..

Ich zücke mein Handy und nehme ein paar Strophen des Gesangs vor mir auf.

Seit ich aus Nordindien zurück bin, sprudeln nur so die Ideen für schöne Kirtans aus mir raus. Niemand muss mich dazu antreiben, mich damit zu beschäftigen. Alles deutet darauf hin, dass ich Musik tatsächlich liebe.

Ich stecke das Handy wieder weg, stehe langsam auf, zwinkere innerlich noch einmal zu Ramana hinüber und verlasse die Meditationshalle.

Ich weiß, dass ich bald gezwungen sein werde, zu handeln. Egal wie ich handeln werde, es wird entsprechende Konsequenzen haben. Welche Handlungen bescheren mir die oben genannten Konsequenzen?

 Sevaka sein, Glück allein?

Als Sevaka bei Yoga Vidya zum Beispiel kann ich zwischen 6:00 und 22:00 Uhr warm duschen, es gibt megaleckeres, gesundes und abwechslungsreiches Essen, es gibt die Gesellschaft ausgesprochen netter und liebenswürdiger Jivas zu genießen, es gibt die Möglichkeit, die Liebe und Leidenschaft für Musik zu teilen und meinen Geist mit dem unerschöpflichen Wissen alter aber aktueller Lehren zu füttern und mich mit Gleichgesinnten darüber auszutauschen.

Während ich das schreibe sehne ich mich zurück nach Köln ins Yogacenter zu Devaki, Vedamurti und Datti.

In einem Yoga-Center wie dem in Köln oder einem Ashram zu leben ist ein Fulltimejob. Neben dem Dienst und etwas eigener Praxis bleibt kaum Luft für anderes. Luft wofür? Ich befürchte dort ein wenig wie in einem wohligen Kokon auf der Stelle zu treten. Aber wo will ich denn hin? Ich will nicht nur ein Jahr überbrücken, ich will wissen wo die Reise im Großen hingehen soll für meinen Jiva.

Warum liebe ich eigentlich Musik? Musik lässt mich zuhause sein, egal wo ich bin. Ist sie also bloß ein Mittel, ein Instrument für meine eigentliche Suche nach Geborgenheit? Irgendwie bin ich heute im Frage- und Hinterfragemodus, und ich habe das Gefühl, damit nicht weiterzukommen.

 Guru Wanted!

Wie sehr wünschte ich mir jetzt einen Lehrer, einen Guru, der kurz in meine Seele blickt, in die Welt und in die Zeit und mir einfach sagt, was demnächst verdammt nochmal mein Job in dieser Welt sein soll. Vermutlich disqualifiziert mich allein dieser Gedanke grad’ aus sämtlichen Guru-Adoptiv-Programmen. Hilfe!!!! Ich brauche Hilfe!!! Hallo, jemand da!?

 Bye Bye Sattva!

Tja, offenbar genügen schon einfache Gedanken an das was auf mich in meiner Heimat wartet, meinen Geist aus seinem sattvigen und klaren Zustand zu bringen. Das schöne ist, dass sich dies nicht auf meinen gesamten Körper ausbreitet, sondern dort bleibt, wo es hingehört, im Verstand. Die Magengegend ist immer noch gelassen. Mal sehen wie lange noch.

One Night in Tiru

Unter bunt angeleuchteten Bäumen und vom Feuer angeheizt wiegen sich einige Frauen sinnlich zu lateinamerikanischen Rhythmen. Ich bin noch einmal zu dem Park von heute Nachmittag gefahren. Am Abend sollte dort ein Konzert stattfinden, und vielleicht würde ich dort ja auch noch jemanden vom Nachmittag wiedertreffen. Ich schaue mir das Treiben an und versuche die Atmosphäre in mir aufzusaugen. Ich fühle mich hier genau so wenig fremd, als wäre ich in Deutschland in irgend einer Stadt auf irgend einer Depeche Mode Party oder auf einem AND ONE Konzert. Da kenne ich vielleicht auch niemanden, aber ich fühle mich trotzdem zuhause.

Ich bin ein weinig enttäuscht, dass ich ein bestimmtes Gesicht unter den Anwesenden nicht ausmachen kann und beobachte ein junges jungen Paar. Die beiden sind damit beschäftigt, quadratische Stoffstücke über ihren Köpfen in die Luft zu werfen, zum Drehen zu bringen und auf ihren ausgestreckten Fingern immer wieder hoch hüpfen zu lassen. Die beiden sind aus meiner Perspektive ein ausgesprochen schönes und stimmiges Paar, vielleicht etwas rastlos. Sie springt ans Feuer und beginnt auf einer Trommel herumzuklopfen, und er hangelt wie von einer Tarantel gestochen einen sich unter seiner Last zum Boden neigenden Baum hoch. Ich muss lachen. Kurze Zeit später verschwinden die beiden. Der Altersdurchschnitt hier steigt damit beträchtlich und ich mache mich ebenfalls auf den Weg ins traute temporäre Heim.

Warum fühle ich mich hier so fern der Heimat so unglaublich wohl?

Vielleicht ist es, was ich gerade in dem Buch dieses zotteligen Gurus lese, den ich vor einigen Tagen hier bei einem Satsang erlebt hatte:

Guru-Books

“Wir haben eine Sehnsucht danach, uns von unseren Rollen zu befreien. Unsere Rollen sind unser Gefängnis. Wenn wir nicht wissen, wer wir sind, geben unsere Rollen uns eine Identität. Aber es ist eine falsche, begrenzte und begrenzende Identität. Das spüren wir, deshalb brauchen wir Pausen von dieser falschen Realität. Wir gehen nach Indien wo uns niemand kennt und genießen dort das Niemandsein.”

Was ich lese macht für mich Sinn und die Worte haben eine erstaunlich beruhigende Wirkung auf meinen Geist. Das Buch ist von Sri Vast, dem Guru, dessen Treiben kritisch von meinem Kollegen aus Deutschland in seinem Buch “Roadtrip mit Guru” beschrieben wurde.

Im Englischen kann man unsere wahre Identität gut mit dem Wort “Nothing” beschreiben. Das meint aber nicht nichts. Wir sind nicht nichts. Aber wir sind auch nicht etwas, weil es zu jedem etwas auch etwas anderes gibt, aber nicht zu uns. Wenn man nothing es als No -Thing liest – kein Ding, beschreibt das, wir sind kein Ding. Wir sind nicht zu definieren (zu begrenzen) durch ein Konzept. Wir sind nicht unsere selbstgewählten oder aufgezwungenen Rollen. Wir sind kein Mann, keine Frau, all diese Identitäten begrenzen uns in unserer Vorstellung. Aber wir sind nicht zu begrenzen. Wir sind grenzenlos.

Dilemma

Wie können wir unsere Unbegrenztheit, unsere Endlosigkeit und Freiheit in einer begrenzten Welt leben, die uns scheinbar begrenzt?

Indem wir frei von Konzepten leben, frei von Identifikationen? Jede Identifikation, selbst die eine erleuchtete Person zu sein, eine selbstverwirklichte Person. Wenn ich erkenne, dass nichts in der Welt die Kraft hat, mich zu binden, bin ich frei, in der Welt zu agieren, wie immer es mir gefällt, oder? Die Frage “was soll ich tun (mit meiner Freiheit)?” kann ich mir also damit beantworten, was immer Du willst, aber vergiss nicht wer Du wirklich bist.

All unser Streben und unsere Handlungen sind darauf ausgerichtet, Fehler zu beheben, einen Missstand zu beseitigen, uns zu korrigieren und zu verbessern. Diese Bestrebung ist auf falschen Identifikationen begründet. Nimm das Gewicht aus Deinen Entscheidungen, in dem Wissen, dass jede Entscheidung und jede Konsequenz daraus lediglich in Dir erscheinen wird und von Dir bezeugt werden wird, dass sie aber niemals Dich selbst verändern wird. Du bist der unveränderliche Beobachter aller Veränderungen in Dir und in der Welt, die ebenfalls Du ist.

Zweimal dieselbe Frage

Es gibt also zwei Motivationen, die Frage, “Was soll ich tun?” zu stellen.

Erstens:

Aus dem Gefühl der Unvollkommenheit heraus mit dem Zweck, sich vollständig zu fühlen.

 Zweitens:

Aus dem Gefühl der Vollständigkeit und des Glückes heraus.

Ich sollte mich also fragen, WARUM frage ich und WIE frage ich? Frage ich ergebnisorientiert oder frage ich losgelöst von den Ergebnissen? Frage ich ergebnisorientiert, bin ich ein Gefangener, weil ich begründet befürchten muss, dass sich das gewünschte Ergebnis nicht einstellen wird. Ich bin dann ein Sklave meiner Handlungen und meiner Erwartungen.

Wenn ich mich davon befreien will, benötige ich kurioser Weise zunächst ebenfalls eine Handlung. Es ist ein Dorn, der den Dorn (falsche Identifikation) entfernt. Ich bekämpfe Feuer mit Feuer. Die Handlung ist das Ergründen der wahren Natur der Welt und der eigenen Person. Das Hinterfragen und das Unterscheiden des Realen vom scheinbar Realen. Erlangung und Anwendung des Wissens um das Selbst ist die Handlung, die mich von allen Handlungen befreien kann, vom selbst projizierten Zwang, zu Handeln, weil scheinbar etwas fehlt.

Unser Geist, unsere Prägung und unsere Muster sind stark in unserer Psyche verankert. Sie haben die Tendenz, sich selbst zu bestätigen durch fortwährende Wiederholung von Bekanntem und Ablehnung von Unbekanntem.

SADHANA – Medizin für den Geist

Wann immer unser Geist zweifelt, kann die Präsenz selbstrealisierter Menschen oder ihrer Worte helfen, uns daran zu erinnern, was wahr und was nur scheinbar wahr ist.

Wir können uns in unseren Routinen Freiräume schaffen, Ankerpunkte, die uns ermöglichen, uns mit dem Wissen um das Selbst zu beschäftigen, Satsangs zu besuchen, ein Mantra zu chanten, Hatha-Yoga zu praktizieren, ein Buch zu lesen. Dies alles sind Übungen für unseren Geist, Ankerpunkte, Lichtungen, die darauf verweisen, wer wir tatsächlich sind. Wir sind nicht der Meditierende, der Yogi, der Chanter oder der Lesende! Das wäre nur eine weitere Identifikation, die wir versucht wären, anzunehmen. Wir benutzen diese Techniken als Dorn, der den Dorn entfernt, bis es nicht mehr nötig ist, unseren Geist daran zu erinnern, wer wir wirklich sind.

Was ich also tun soll, wenn ich wieder zurück in Deutschland bin, kann ich davon abhängig machen, was ich an meiner Person beobachte. Wie frage ich? Was ist meine Motivation? Dann kann ich entscheiden, was zu tun ist. Braucht mein Geist Training, dass er mich in Ruhe und friedlich sein lässt, egal was ich bezeuge? Dann sollte ich ihn vielleicht trainieren. Ich muss es nicht. Das Training und die Veränderung meines Geistes ändert nichts an meiner wahren Identität. Aber es qualifiziert unseren Geist, aus der Perspektive seiner wahren Herkunft und Identität heraus wahrzunehmen, zu unterscheiden und zu entscheiden.

 Hari OM, TOM

SÜDINDIEN – TAG 48 – LAUF, LAUF!

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Eigentlich sollte das ein Lied werden:

Du ziehst einen Zaun um das kleine Fleckchen Erde auf dem Hügel, den Du mit viel Ausdauer und harter Arbeit erklommen hast. Hier willst Du endlich angekommen sein. Lieb gewonnene Menschen und Dinge musstest Du schweren Herzens zurücklassen, um hierher zu gelangen. Es war kein leichter Weg. Hier willst Du endlich sesshaft werden und Wurzeln schlagen. Du richtest Dich ein, baust Dir ein Nest, das Dich beschützen soll und für Dich da ist. Ein Ort, der jedem sagt wer Du bist. Und Du wirst zum Meister dieses Ortes, dieses Hauses, zum Hausmeister. Dieses Haus kann ein Ort sein, oder ein Gedanke, ein Gefühl oder eine Überzeugung. Hier bist Du König. Du hast Dir einen königlichen Ort geschaffen, doch Du spürst, Du bist dort auch ein Gefangener.

Du bist der Baumeister Deiner eigenen Falle. Auf der Suche nach Beständigkeit bindest und verankerst Du Dich in deiner heilen Welt. Mehr und mehr bist Du damit beschäftigt, die Taue und Anker, die Dich bewegungslos machen, noch fester zu ziehen, sodass Du nicht erkennst, dass es kein Hügel ist, den Du Dir erobert hast, sondern nur die Stufe einer Treppe. Eine Treppe, die Dich zur Vollkommenheit führen kann.

Doch was ist diese Vollkommenheit? Ist sie ein Ort fern von Dir, eine Stufe weit weit oben auf der Treppe oder an deren Ende? Wirst Du sie jemals erreichen können? Wie kannst Du es lernen, zu verstehen, dass die Vollkommenheit die Du suchst Du selbst bist? Du selbst, nicht das Du, das Du siehst, wenn Du in die zahllosen Spiegel der Welt schaust. Du bist das was sieht, das was jeden Spiegel sein lässt, das was die Stufen erschafft auf denen Dein “kleines Ich” sich bewegt und sanft oder energisch von Stufe zu Stufe treibt, das was sich als die Schönheit in allen Dingen spiegelt, die Du in der Welt siehst und die Du versuchst, an dein “kleines Ich” festzubinden.

Welches Ich ist gemeint? Haben wir mehrere Ichs? Wenn ich Du sage, meine ich mal das eine, mal das andere Du. Das veränderliche Du als Person und das unveränderliche Du, das die Existenz Deiner und meiner Person erst ermöglicht. Und es gibt unzählige weitere Ichs. Immer, wenn Du Dich mit einem Gedanken oder Gefühl identifizierst, wirst Du zu diesem Gedanken und kämpfst für ihn, als ginge es um Dein Leben. Doch Du bist vor allen anderen Ichs das eine Selbst hinter allen Ichs.

Die Treppe auf der Du (als Person) läufst, führt Dich zum Erkennen der Vollkommenheit Deines wahren, primären, andauernden Ichs, ohne Dich irgendwo hinzubringen, Du bist bereits die Vollkommenheit.

Wenn es still im Außen wird, hörst Du ein Rufen und Klagen in Deiner Person. Rastlosigkeit, Gier nach Neuem, Erlösenden. Wie ein Kind läufst Du durch den unerschöpflichen Spielzeugladen des Lebens, begeisterst Dich für das Eine, stürmst auf das Andere los. Und während das Kind seine gesamte Aufmerksamkeit ausschließlich auf das gegenwärtige Spielzeug richtet, den Turm, den es gerade eben noch mit viel Mühe und Liebe aufgebaut hat lachend wieder einreist und auf das nächste Spielzeug losstürmt, versuchst Du jedes Spielzeug bei Dir zu behalten und an Dich zu binden. Wie ein Kind verlierst auch Du das Interesse an den Sachen, sobald Du sie hast. Aber Du wirfst sie nicht achtlos in die Ecke, sondern bindest sie fein säuberlich mit festen Stricken an Dich. Du wirst sie nicht mehr los und ziehst sie hinter Dir her. Und die Last wird immer schwerer, weil Du immer neue Dinge an Dich bindest, Dinge, die immer größer und schwerer werden. Du glaubst, sie zu brauchen. Manchmal wird die Last so schwer, dass Du nur weiter kommst, wenn Du einigen Ballast losschneidst. Du willst weiterkommen, nur um neuen, anderen Ballast zu erreichen, der Dich wieder zum Stoppen bringen wird.

So baust Du an Deinem Konstrukt aus Tauen und Ankern auf Deinem Hügel, bis Du nur noch Taue siehst und Dich befreien musst. Manchmal durchtrennst Du mit einem mächtigen Hieb sämtliche Taue und kletterst höher, um dann auf die Stufe unter Dirmit all den zurückgelassenen Ankern, Tauen und Spielsachen zu schauen. Jetzt fühlst Du Dich frei und hast einen freien Blick, auf einen neuen Hügel, den Du sofort beginnst, mit neuen Spielsachen, Ankern und Tauen zu verzieren, neue Taue, neue Verpflichtungen. Das ist mein Platz, Ich habe ihn erklommen. Das Spiel beginnt von vorn. Was Du findest, willst Du behalten. Wie viele Stufen musst Du erklimmen, bevor Du erkennst, dass Du nichts jemals behalten und nichts jemals verlieren kannst?

Und wenn Du glaubst, Du kannst Dich an etwas auf dieser Treppe krallen, etwas festhalten, dann hast Du recht, aber es ist keine Sache, kein Mensch und kein Gefühl. Du kannst nicht verhindern, dass die Sonne aufgeht und dass sie untergeht. Dass jeder Moment neu erlebt das Echo des vorangegangenen Momentes ist. Du läufst und läuft, bis Du erkennst, dass Du Dich keinen Zentimeter bewegst, dass Du Dich kein bisschen veränderst obwohl Du permanent Veränderung und Bewegung siehst. Du selbst hast Dich niemals verändert noch wirst Du Dich jemals verändern.

Also lauf, lauf, entdecke was die Welt zu bieten hat, versuche doch, sie anzuhalten, und lerne, was wirklich Bestand hat. Die Welt ist Dein Lehrer, doch musst Du auch hinsehen. Lauf, Lauf, es ist nichts schlimm daran, einen Schritt nach dem anderen zu tun. Alle Dinge wirst Du immer wieder hinter Dir lassen müssen, auf dem Weg von Stufe zu Stufe. Du glaubst Du verlierst Dich, doch Du kannst Dich niemals verlieren. Du glaubst Du verirrst Dich, aber Du bist der Weg, Du glaubst Du würdest allein sein, das ist wahr, denn Du bist alles was ist. Alles was du in der unerschöpflichen Vielfalt der Welt entdecken kannst spiegelt nur das Eine, Dich selbst. Wie viele Stufen musst Du erklimmen bevor Du das erkennst?

Es hat einen Grund, warum Du Dich so sehr nach Beständigkeit sehnst. Du bist Beständigkeit. Du bist unveränderlich. Aber Du suchst am falschen Ort, Du suchst auf den Stufen, aber es sind nicht die Dinge, welche beständig sind, sondern es ist dein Zeugnis über die Vergänglichkeit der Dinge.

Also Lauf, Lauf, bist Du erkennst, dass Du in einem Traum wandelst, der in Dir ist, der Dich vergessen lässt, wer Du wirklich bist. Und wenn Du weißt, dass Du träumst, genieße den Traum, und tu das, was richtig ist. Es gibt Regeln in dieser Welt, die Dir ein Paradies sein kann, wenn Du nicht ohne Unterlass Deine immer hungrigen Vampirzähne in sie hineinschlägst und versuchst heraussaugen was Du nur bekommen kannst. Wie könntest Du aus Dir selbst etwas herausnehmen? Sei der Pfleger der Welt, ihr Architekt, ihr Gärtner, ihre Wohltat. Es ist Dein Traum.

Wenn Du heute ein schönes Echo erfahren möchtest, musst Du gestern die positive Ursache dafür gewesen sein. Heute ist das Gestern von morgen. Du bist der Traum, Du bist der Träumer, Du bist der Tänzer, Du bist der Liebende, Du bist der Sohn, Du bist die Mutter, Du bist der Diener, Du bist der König. Du bist alles was Du sein willst in diesem Traum, und Du bist unendlich viel mehr. Du bist ungeboren, unbegrenzt, unsterblich, alles verursachend, alles beinhaltend, vollkommen, einfach und wunderschön und unbeschreibbar. Du bist nicht direkt zu sehen, aber ohne Dich wäre nichts zu sehen. Wie das Licht, das selbst nicht gesehen wird, sondern nur, wenn es Objekte erhellt. Du bist wie Licht, Du bist Bewusstseins. Du bist Bewusst und Du bist Sein, Existenz und Erfahrung, welche dieser Traum ermöglicht der aus Dir hervorgeht.

Lauf, Lauf, bis Du nicht mehr läufst, um glücklich zu werden, sondern weil Du glücklich bist.

 Vielleicht wird das noch ein Lied, die Melodie hab ich schon.

SÜDINDIEN – TAG 29 – WAS IST WEISHEIT?

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Weisheit ist aus vedantischer Sicht die Anwendung von Wissen im Alltag.

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Das Wissen darüber wie man ein Flugzeug baut fliegt einem nicht in Stille sitzend zu. Wer ein Flugzeug bauen will muss sich auf den Hosenboden setzen und studieren. Genauso ist es mit dem Wissen um das Selbst. 

Wer das Wissen um das Selbst anwenden will muss sich zunächst mit der Lehre ums Selbst beschäftigen. An westlichen Unis und Schulen steht das allerdings seltsamerweise nicht ganz oben auf der Agenda.

Advaita Vedanta ist das logische und umfassende Studium des Selbst. Seine Kernaussage ist sehr einfach, und die Frage “Wer bin ich?” ist mit nur einem Satz schnell beantwortet. Aber die Anwendung dieses Wissens im Alltag erfordert Praxis und Training für den Geist.

Wenn wir dieses gemeistert haben und ohne Anstrengung stets aus der Perspektive des Selbst handeln, dann handeln wir weise.

Ich fürchte allein mit in Stille sitzen und nach Innen schauen wird es schwer, Weisheit zu erreichen. Es gibt Ausnahmen. Ramama Maharshi war einer unter Millionen, der durch eine Nahtoderfahrung als Junge das Selbst realisierte.

Für die meisten von uns ist das Erlangen von Weisheit harte Arbeit. Dann mal los, die Gesellschaft kann paar mehr Weise gut gebrauchen.

SÜDINDIEN – TAG 14 – SILVESTERNACHT

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Foto am 01.01.15 um 18.11 #2

Als ich in der lauen Silvesternacht vom Dach unseres Appartmenthauses in Tiruvannamalai aus den strahlenden Mond, die vorbeiziehenden zarten Schleier der Wolken und den stolz am Himmel thronenden Orion betrachte, lasse ich meine Gedanken ins kommende Jahr schweifen.

Weder Wehmut ob des Vergangenen, noch Sorge um das Kommende begleiten mich zu diesem Jahreswechsel. So klar wie die Himmelskörper ihr Licht zur Erde schicken so klar spüre ich tiefe Zufriedenheit in mir.

Ein angenehmer Wind streicht sanft über mein Gesicht. Unten auf der Straße am kleinen Shiva-Schrein hat jemand zur Feier des Tages eine riesige Lautsprecherbox an sein Handy angeschlossen und beschallt das ganze Viertel mit einem fürchterlich übersteuert schreienden Mix aus traditioneller indischer Musik und Höhepunkten der westlichen Chart-Kultur. “Who let the dogs out!?” ist Anbetracht der zahlreichen Kläffer rund um unser Haus eine berechtigte Frage. “We will we will rock you” und “I’m blue dadadidadidau…” werden stundenlang unermüdlich mit einer Besonderheit rauf und runtergespielt. Der besondere künstlerische Ansatz unseres indischen DJs besteht dabei darin, jedes Lied maximal 8 Sekunden anzuspielen und dann direkt zum nächsten zu springen. So als würde er sein Handy nach irgendetwas durchsuchen, und alle Nachbarn im Viertel dürfen daran teilhaben. Die Geräuschkulisse stört mich nicht weiter. Sie bildet einen kreativen Soundtrack zu dem friedlich dahinziehenden Schauspiel oben am Firmament.

 “Was fehlt?” Diese Frage stellte Ananta immer wieder in seinen beiden Satsangs, die er bei uns im Haus gehalten hatte. Was fehlt genau jetzt? Nichts! Alles ist perfekt wie es ist.

Ich male mir verschiedene berufliche Szenarien für das kommende Jahr aus und schaue im Lichte der Silvesternacht auf das Blatt Karten in meiner Hand. Welche davon würde ich wohl ausspielen?

Da war die Karte auf der “Vedanta-Lehrer” stand. Jemand hatte mir vor einigen Jahren die Frage gestellt, wer bist Du? Ich konnte beim besten Willen keine Antwort auf diese Frage finden. Und da mir die Person darauf ebenfalls keine Antwort gab, blieb sie wie ein Samen in meinem Unterbewusstsein und suchte nach einer Antwort.

Vedanta, die Wissenschaft um das Selbst, ließ wie Wasser, Dünger und die liebevolle Pflege in Einem, aus dem Samen einen prächtigen Baum wachsen, fest verwurzelt in der Erde, wie das Wissen, dass ich heute über mein Selbst habe. Es ist schon amüsiert wie wir versuchen mit begrenzten Worten, Bildern und Konzepten versuchen, das Unendliche zu beschreiben und zu greifen. Das durch Vedanta enthüllte Wissen um das unendliche Selbst arbeitet als Instrument, mich, die Welt und alles darin besser zu verstehen, fried- und liebevoll zu agieren und innerlich und äußerlich in Liebe zu verweilen, welche Gestalt auch immer meine Umgebung gerade einnehmen mag. Nicht die Welt sondern unsere Betrachtung der Welt entscheidet darüber, ob wir uns wohl fühlen oder nicht.

Es war die Suche nach der Befreiung vom Leid, die mich mit Mitte dreißig auf diesen Weg der Selbsterforschung geführt hatte. Mehr Freude, weniger Leid waren die Ziele. Ich habe dem Weg bisher zahlreiche schöne, befreiende Momente erlebt. Momente der Gottverbundenheit und der Verbundenheit mit allem um mich herum, Momente der inneren und äußeren Vergebung, der Dankbarkeit und Hingabe. Ich habe erlebt, wie meine Gefühle immer weniger von den Erscheinungen in der Welt in die Höhe gehoben oder in die Tiefe gerissen wurden. Es scheint sich eine gesunde Distanz zwischen dem eigenen Gefühlslebens und den Erscheinungen in der inneren und äußeren Welt entwickelt zu haben, welche mich ruhig, friedvoll und zufrieden sein und bleiben lässt.

Manchmal habe ich das Gefühl, die Geschichte, die auf der Leinwand vor meinem geistigen Auge abläuft und die von vielen als Realität bezeichnet wird, nicht mit der angemessenen Aufmerksamkeit zu verfolgen. Es ist dann so als würde ich teilnahmslos aus dem Augenwinkel eine Geschichte verfolgen, die grad’ im Fernsehen läuft. Dann beobachte ich mich selbst, wie ich unaufmerksam beobachte…

Unterscheidungskraft und Leidenschaftslosigkeit sind die aus yogischer Sicht erstrebenswerten Eigenschaften des Geistes, welche ich in den letzten Jahren kultiviert und mir offenbar zueigen gemacht hatte.

Doch niemals erreichen wir als Person einen finalen Zustand, auch wenn wir das gern täten. Wenn ich mich früher mit den Erfolgen in meinem Beruf identifiziert habe, mit meiner Art Partys zu feiern oder Musik zu machen, so sind es heute Leidenschaftslosigkeit und Unterscheidungskraft mit denen ich mich identifiziere. Ich habe die Werte meines weltlichen Ichs zugunsten derer eines spirituellen Ichs aufgegeben und erfreue mich nun an dessen Früchten, genau wie zuvor an den Früchten meines früheren Treibens.

Was ist der Unterschied? Der Unterschied, den ich wahrnehme ist, dass inzwischen Zufriedenheit und Frieden in meinem Geist dominieren. Verzweiflung, Ärger über Verluste oder Dinge, die nicht wie erwartet eintreten, Ärger über das Verhalten von Mitmenschen, Sorgen um die Zukunft, Reue über die Vergangenheit, all diese Spieler sind so gut wie verschwunden von der Bühne in meinem Inneren, oder sie sind einfach soweit in die ferne gerückt, das ich sie kaum noch wahrnehme. Meine Lebensqualität hat sich, seit ich auf dem spirituellen Weg unterwegs bin, deutlich verbessert. Ich habe nicht ständig das Gefühl, dass etwas fehlt und bin zufrieden mit dem was ich habe und bin.

Aber wo führt dieser Weg hin, wo kann er überhaupt hinführen. Doch nur zu weiteren Erfahrungen, die mich als Person versuchen, mich mit ihnen zu identifizieren. Der Geist und das Ego wollen Rollen annehmen, die uns das Leben angenehmer gestalten, und gut ist niemals gut genug. Ist es überhaupt möglich dieses Programm zu umgehen? Wohl kaum. Selbstverwirklichung heißt nicht, ständig Happy zu sein. Das Glücklichsein ist lediglich ein Zustand, der in unserer Person erscheint und wieder geht. Selbstverwirklichung heißt Vollkommenheit.

Die Menschen werden mit der Verheißung andauernden Glückes auf den spirituellen Weg geführt. Aber das bedeutet nicht, dass wir dann permanent breit grinsend durch die Welt laufen. Vedantalehrer James Swartz gab mir gegenüber kürzlich zu, es gäbe für ihn persönlich nichts Langweiligeres, als ständig nur glücklich zu sein. Das Leben bestünde nicht nur aus Licht. Erst die Schatten würden im Zusammenspiel mit dem Licht die Würze des Lebens ausmachen. Das bedeutet für mich eine Aufforderung, zu leben, Fehler zu machen, das Leben auszutesten, Glück und Unglück zu erfahren, zu betrachten und dabei niemals zu vergessen, dass wir nicht diese wechselnden Zustände sind, sondern der unveränderliche und von ihnen unbeeinflussbare Zeuge ihres Kommens und Gehens.

Was fehlt? Nichts fehlt. Das Wissen um das Selbst ist ein wertvoller Schatz, der mir durch Vedanta enthüllt wurde. Aber was fange ich nun mit diesem Schatz an? Die Vorstellung als Lehrer, anderen Suchenden bei der Entdeckung und Bergung ihres Schatzes zu helfen, erscheint mir hier auf dem Dach liegend mit Blick in den Sternenhimmel Indiens plötzlich völlig reizlos. Diese Karte wird wohl in meiner Hand bleiben. Ich denke, es war mein Ego, das mich gern in einer lehrenden Position gesehen hätte und gern die Lehre als Instrument missbraucht hätte, ihm Respekt, Dankbarkeit und Anerkennung der Mitmenschen zu verschaffen. Aber ich brauche und will nichts davon. Es gibt kein Gefühl des Mangels in mir. Nichts fehlt.

Die Zeit in der ich mich intensiv mit Vedanta beschäftigt habe, kommt mir vor wie ein innerer Frühjahrsputz. Ich habe mein Innerstes aufgeräumt, meine Hausaufgaben gemacht und fühle mich bereit, mich wieder mehr der Außenwelt zuzuwenden.

“Wo Deine Talente auf die Bedürfnisse der Welt treffen, dort liegt Deine Berufung!” Wieder hole ich diesen Spruch in mein Gedächtnis. Ich brauche mehr Zeit, mehr Aufmerksamkeit auf meiner Suche nach meiner Aufgabe für die kommenden Jahre. Meine Suche ist eher eine passive Suche. Ich bin überzeugt, dass sich mir zum richtigen Zeitpunkt zeigen wird was zu tun ist. Ich bin dankbar dafür, mir diese Zeit mit der Indienreise geschenkt zu haben und beobachte erstaunt, wie der Blick auf Deutschland und mein Leben dort aus dieser entfernten Perspektive die Dinge in mir neu sortiert.

“Wo siehst Du Dich in fünf Jahren?” Solche Fragen habe ich mir früher gern zu Beginn neuer Lebensabschnitte gestellt. Als Antwort wurde von mir meist ein materielles Gefüge beschrieben in dem ich mich in der Zukunft sah und das meinem veranlagten Streben nach Sicherheit, Vergnügen und zuletzt dem Wunsch etwas beizutragen Ausdruck verlieh. Ich hatte die vier Bestrebungen, die vier Hauptmotivationen der Menschen, immer als evolutionäre Schritte gesehen. Erst Sicherheit und Routinen schaffen, dann Vergnügen und Regenerationsmöglichkeiten, dann etwas uneigennützig zum Ganzen beitragen und letztlich die Befreiung von allen Bindungen in der Welt. Für ein angenehmes Leben ist es wohl auch hier die Mischung, die es macht. Aber ist ein angenehmes Leben alles was erstrebenswert ist? Meine Gedanken verlieren sich.

Wie leicht es ist, in Deutschland gutes Geld zu verdienen. Ich war früher ein talentierter Cutter. Die Redakteure schätzten meine Ruhe, Schnelligkeit, Kreativität und mein inhaltliches Gespür nicht nur beim Finden der Schlusssätze für ihre Beiträge, die unter Zeitdruck fertig werden mussten. Obwohl ich die letzten knapp zehn Jahre im Produktions- und Redaktionsmanagement tätig war, wäre es mir ein Leichtes, diese Fähigkeiten zu reaktivieren und in Köln auf Tagessatzbasis sehr gutes Geld zu verdienen. Von dem was ich dort an einem Tag als freier Cutter verdiene, könnte ich in Indien einen ganzen Monat wie ein König leben.

Warum nicht eine Zeit des harten Arbeitens in Deutschland einschieben, ein finanzielles Polster schaffen für ein Mehr dieser so angenehmen Zeit fern ab allen westlichen Stresses? Eine ganz neue Karte erscheint plötzlich in meiner Hand. Ist sie etwa Ausdruck des immer noch in mir stark verwurzelten Strebens nach Sicherheit? Finanzieller Sicherheit? Es fühlt sich schon sehr gut an, hier in Indien mit den Taschen voller Rupien von einem Tag in den anderen zu leben und sich ausschließlich mit sich selbst zu beschäftigen. Aber ist das die mir zugedachte Aufgabe in diesem Leben? Das wäre schon eine ziemliche Verschwendung von Ressourcen, oder?

Wie tief ich auch in mein Inneres schaue, ich kann einfach keinen Missionar darin entdecken. Ich denke an die Beratung durch den vedischen Astrologen zurück. Ich würde in Kürze etwas finden, womit ich Menschen bei ihrer Transformation helfen würde und was für mich auch zur Lebensgrundlage werden würde. Und es wäre etwas anderes als ich denken würde, was seine Wurzeln in etwas sehr Altem, Traditionellem hätte. Und ich würde es noch während dieser Reise in Südindien entdecken. Da bin ich ja mal gespannt.

Dass sich mein Interesse an dem aus Deutschland mitgebrachten Blatt Karten in meiner Hand hier langsam auflöst, ist  interessant zu beobachten. Obwohl ich nicht den geringsten Schimmer habe, was ich demnächst so tun werde, spüre ich keine Ungeduld in mir, keine Leere, keine Sehnsucht oder Sorge, nicht die kleinste den Magen zusammen ziehende Regung in mir. Es amüsiert mich, wenn ich daran zurückdenke, mit welchem Eifer ich früher an solchen Wendepunkten in meinem Leben, Pläne für die Zukunft geschmiedet hatte.

Was ist eigentlich mit der Karte auf der Musiker steht? Als Kind hatte ich mir immer gewünscht einmal wie Dave Gahan singen und Martin Gore komponieren zu können und genau wie sie, “Music for the masses” zu machen. Das Musizieren war stets ein wichtiger Teil meines Lebens. Es half mir, mich auszudrücken und in meiner Harmonie zu bleiben. In letzter Zeit ergaben sich tatsächlich einige Möglichkeiten, das mit anderen Menschen zu teilen, und offenbar kam es auch gar nicht so schlecht an. Singen und Musizieren könnte ich ständig, und ich merke, dass irgendwo tief in mir der Wunsch aus der Kindheit noch wach ist und auf seine Verwirklichung wartet. Vielleicht ist die Musik ja mein Instrument, das Wissen um das Selbst, was so wichtig für jeden Menschen sein kann, zu transportieren? Oder sind es doch die Filme, die ich machen kann, oder eine Mischung aus beidem?

Ich wende mich dem Göttlichen zu, mir ein Zeichen zu senden, damit ich bei der Auswahl meiner nächsten Tätigkeit den rechten Weg einschlage und der Kreation statt meinem Ego zu dienen.

Es erscheint die Karte, allein mit Harmonium und Gitarre durch Deutschland zu ziehen, ohne eigenes Heim und weiteren Besitz, in meiner Hand. Es gibt zahlreiche Suchende in Deutschland. Die Menschen spüren, dass unsere Gesellschaft aus dem Gleichgewicht gefallen ist und suchen nach Harmonie. Diese Harmonie muss in ihnen selbst beginnen. Wer in sich aufgeräumt hat, kann auch die Welt um sich herum aufräumen. Ich liebe die Musik und ich liebe das Wissen um das Selbst, das eins ist mit dem Selbst und Ausdruck seiner unendlichen Kreativität, Verlässlichkeit, Fürsorglichkeit und Liebe. Welchen schöneren Tätigkeitsbereich könnte es geben, als den Herzen und dem Verstand der Menschen liebevolle Zuwendung zu geben? Ich begebe mich zu Bett. Es ist 21:30 indischer Zeit, und ich werde dieses Silvester mit der Hilfe von Ohropax friedlich ins neue Jahr schlummern.

7:30 Uhr am Neujahrsmorgen wache ich auf. Ein kurzer Test, ja, der DJ draußen ist immer noch am Start. Petra und ich beginnen den Tag mit einem Frühstück und erkunden dann den großen Tempel von Tiruvannamalai. Irgendwie bin ich grad’ im Kaputtmachmodus. Gestern rutscht mir mein Handy übers Kopfkissen und knall auf den Steinboden. Das Display kann ich noch mit durchsichtigem Klebeband retten, dann breche ich heute fast den Griff meiner Kamera ab, vergesse als es anfängt zu regnen, dass sie noch für eine Zeitrafferaufnahme der  über den Arunachal ziehenden Wolken auf dem Dach habe stehen lassen,  ich ramme mit unserem Scooter eine Riksha und verliere dann auch noch mein Handy auf dem Weg Mittag. Fahre den ganzen Weg zum Tempel zurück und finde es dann friedlich mitten auf der Kreuzung vor dem Laden in dem wir essen werden  wieder. leider hat der zweite Sturz nun auch das Innere des Displays zerstört, aber immerhin habe ich noch meine Simkarte mit den 6GB Internet drauf und die aus Deutschland, die mit Gaffa ans Handy geklebt ist. Ich sollte mich die nächsten Tage einschließen!

Als Petra und ich unseren kleinen Abend-Satsang auf dem Dach abhalten, kam Adi dazu. Adi studiert seit 1 1/2 Jahren Vedanta in einem Dayananda-Ashram. Da ich ebenfalls mit dem Gedanken gespielt habe, mich einer solchen Intensivausbildung zu unterziehen, bin ich begierig, aus erster Hand etwas über diese Ausbildung zu erfahren. Adi ist eher der rajasige Typ, er redet in Lichtgeschwindigkeit und hat die Energie von tausend Duracell-Häschen. Er studiert bis zu zehn Stunden täglich mit dem Ziel, Moksha zu erreichen. Was Moksha für ihn bedeute, frage ich. Er überlegt kurz und meint, wenn sein Geist vollständig aus seiner primären Identität des Selbst heraus operieren würde. Im Verlauf des Gespräches erfahre ich, dass es in dem intensiven Studium darum geht, schrittweise auf Grundlage der alten Schriften die Unwissenheit um das Selbst zu beseitigen und zum anderen den eigenen Geist zu trainieren, ihn quasi umzudrehen, zum bewussten Instrument des Selbst zu machen, dass sich selbst vollständig damit identifiziert. Es fällt mir schwer, Adi zu folgen. Ob das denn nötig sei, frage ich ihn. Ob es denn nicht reiche, zu wissen, dass man neben der Identität als Mensch die übergeordnete Identität des Selbst hätte und man die Person machen lassen könne was sie wollte, es würde ja nichts an der primären Identität ändern… Nein, nein, sagt er, das würde eine Falle sein, die, wenn man da hineintritt, irgendwann dazu führte, dass man aufwacht und sich fragt, was tut ich eigentlich, und dann müsse man wieder on vorn anfangen mit seiner Arbeit auf dem Weg zur Befreiung. So ganz kann ich das nicht nachvollziehen, ich fühle mich eigentlich ganz wohl, so wie ich grad bin und muss daran denken, dass keine Handlung, die ein Mensch tun kann, das Potential hat, ein unbegrenztes Ergebnis zu erzielen. Wie könnte unser begrenzter Geist durch ein Studium Gottes Perspektive einnehmen. Dieses Geschenk wird vielleicht einigen Menschen, die es zur Bewältigung ihrer Aufgabe im Leben brauchen per göttlicher Gnade zuteil, aber dass man sich diese Erfahrung per Studium und Geistestraining aneignen können soll, ist für mich heute Abend schwer vorstellbar. Der Gedankenaustausch endet abrupt. Petra hat Hunger. und so packen wir unsere Yogamatten, den Tee, die Kirtanhefte, das Räucherzeug, die Öllampe und das Aratischwenker ein und gehen in unser Apartment.

Als ich dort versuche nun doch noch den kleinen WLAN Adapter, den man mit einer Simkarte füttern kann in Gang zu bekommen, breche ich die Kontaktstifte in dem Teil ab, so dass er meine Siamkarte nicht mehr lesen kann. Ist das nicht crazy? Was mir das wohl wieder sagen soll. Ich  hab es schon gemerkt, dass ich in so eine Phase rutsche. Verpeiltheit hoch zehn. Nunja, jetzt zu später Stunde habe ich es geschafft, mit Draht, meinem Letterman, Gaffa und einer leeren Schachtel Tic Tac den kleinen WLAN-Router trotz abgebrochener Kontakte zum Laufen zu bringen, und auch den MAC so einzustellen, dass er mit dem Teil zusammenarbeitet. Man muss nur ausreichend motiviert sein, dann klappt alles. Ist das die Lektion hinter dieser kleinen Zerstörungswelle? Ich hatte schon früher vergeblich versucht, dem Teil Internet zu entlocken. Nun, jetzt funktioniert es, und ich kann hier meinen Reiseblog mit Wörtern füllen.

Jetzt bin ich müde. Gute Nacht!

SÜDINDIEN – TAG 11- MEETING ANANTA

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Last two days I joined the satsangs of Ananta, who was brought by Ishvara right to the rooftop of our home. You can follow his daily satsang on www.anantasatsang.org. Thank you, Ananta, for your loving presence and your beneficial teaching! It was a pleasure, singing with you.

SÜDINDIEN – TAG 8 – WARUM INDIEN?

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Meine Reise nach Südindien hat einen tieferliegenden Zweck als den Besuch eines Panchadasi-Workshops oder die Produktion eines Filmes mit einem von mir verehrten Lehrer.

Indien mag für Westler laut, dreckig und chaotisch anmuten. Doch genau hier in dieser turbulenten, bunten und nicht unumstrittenen Kultur am anderen Ende der Welt erwarte ich, die nötige Ruhe, Inspiration und Gottesgegenwart zu erfahren, um die richtige Richtung für mein weiteres Leben in meiner Heimat auszumachen. Ich komme mit festem Vertrauen, vollster Zuversicht und frei von jeglichem Zweifel darüber, zur richtigen Zeit am genau richtigen Ort zu sein.

Der in diesem Teil der Welt körperlich spürbare innere Frieden und die alles und jeden durchdringende spirituelle Energie ziehen mich auf diesen kleinen orientierenden Abschnitt des von mir vor einiger Zeit eingeschlagenen Weges der Selbstbetrachtung, des Hinterfragens, des Wach- und Wachsamseins, der Unterscheidung, der Liebe, der Rücksichtnahme, des Verständnisses, des Mitgefühls, der Hingabe und des Vertrauens. Dieser Weg erschien anfänglich extrem schmal, und es fiel schwer, ihn überhaupt zu treffen. Aber es scheint, dass er langsam immer breiter und der Schritt auf ihm sicherer wird.

Ich suche ganz bewusst die körperliche Nähe zu diesem Ort, der Heimat, Lehrer und Zeuge des Wirkens zahlloser erleuchteter Frauen und Männer ist, deren geistige Hinterlassenschaft das Potential hat, jeden Menschen im Osten und im Westen zu befreien, im Innern und damit im Außen.

Jeder hat schon erfahren, dass die Aspekte unserer geistigen und körperlichen Existenz auf die wir die Kraft unserer Gedanken und unsere Aufmerksamkeit lenken, verstärkt werden. Indien ist für mich ein einziger, starker und kollektiver Gedanke – Ich bin eins mit dem Einen.

Hier in diesem Land, das materiell so wenig und spirituell umso mehr zu bieten hat, will ich jenseits jeder westlichen Routine dem Leben, der Welt, ja Gott Gelegenheit geben, sich mir mitzuteilen. Und ich will Zeit haben, aufmerksam zu sein, um die Zeichen auch zu wahrzunehmen. Erwarte ich wirklich, dass Gott mir einen Wink gibt? Klar! Er tut 24 Stunden 7 Tage die Woche nichts anderes. Wir müssen nur hinschauen, und das hier ist meine HINSCHAU-AUSZEIT.

Was ist die richtige Richtung im Leben? Es ist immer die Richtung, die uns zu einem angestrebten Ziel führt, oder?

In unserer Vorstellung gibt es uns als Person hier und ein angestrebtes Ziel oder Objekt der Begierde irgendwo in der Zukunft. Das Leben nehmen wir als die Zeit wahr, die zur Überwindung der Hindernisse bis zu unserer Vereinigung mit diesen Dingen nötig ist. Angetrieben werden wir dabei von Gefühlen des Mangels, der Unvollkommenheit, der Getrenntheit und der Vorstellung, dass das Erreichen dieses Ziels etwas daran ändern würde.

Was wäre aber, wenn es gar keine Unvollkommenheit gäbe, die durch irgendetwas aufgefüllt werden müsste? Ist das möglich? Was wäre, wenn ich mich diesmal für einen Weg, ein Ziel entscheiden will, ohne die Motivation, einen nicht vorhandenen Mangel auszugleichen, sondern aus dem Gefühl der Vollständigkeit und Liebe und dem Bestreben heraus, dem kosmischen Spiel zu dienen? Bin ich dazu in der Lage? Okay, wir dienen niemals nicht dem kosmischen Spiel, ob wir nun bewusst leben und unsere Gedanken, Worte und Taten hinterfragen oder nicht. Aber es muss einen Unterschied geben. Ist unsere Motivation der Schlüssel für die Erfahrung, die wir im Leben machen?

Es ist nicht das erste Mal in meinem Leben, dass ich mich frage, was ich als nächstes tun sollte. Ziele gab und gäbe es zahlreiche. Ich war in meinem Leben bisher mehrheitlich mit genügend Talent, Fähigkeiten und Tatkraft gesegnet, Wege zu finden, mir wichtige Ziele auch zu erreichen. Doch sobald sich ein Erfolg in meinem Leben einstellte, war er auch schon Teil meiner Vergangenheit geworden und hinterließ in meiner Gegenwart einen leeren Raum, der ungeduldig und flehend nach dem nächsten Erfolg schrie. Was war die versteckte Triebfeder hinter diesem sich ständig wiederholenden Prozess des Anstrebens, Verfolgens und wieder Loslassenmüssens? Alle Ziele, die ich verfolgte, erreichte oder auch nicht erreichte, musste irgendetwas miteinander verbinden.

Die Frage nach der Quelle des andauernden Glücks im Leben ist so alt wie die Menschheit selbst. Zu keiner Zeit bezweckte ein Mensch mit seinen Taten, unglücklich zu werden. Selbst Menschen, die sich selbst oder anderen Leid zufügen, tun dies, um sich besser zu fühlen. Und so waren wie bei jedem Menschen den das Antlitz dieser Welt je beobachtet hat auch sämtliche meiner Wünsche und Ziele im Leben immer ein Vehikel für das eine übergeordnete Ziel, das jeden Menschen im Leben antreibt, die einfache aber anscheinend unstillbare Sehnsucht danach, für immer glücklich zu sein. Ich selbst Jesus, der das Leid der ganzen Welt auf seine Schultern geladen hat, tat dies wohl, weil es ihn glücklich machte, der Schöpfung seines Vaters zu dienen.

Ich brauchte knapp vierzig Jahre, um endlich zu erkennen, dass das Erreichen eines Großteils meiner selbstgewählten Ziele im Leben den dahinter liegenden Wunsch nach anhaltendem Glück nicht erfüllen konnte. Waren wir Menschen etwa dazu verdammt, stets zwischen Glücklich- und Unglücklichsein hin und her zu pendeln? Warum finden wir uns nicht einfach damit ab, unglücklich zu sein? Was ist unser natürlicher Gemütszustand und warum? Wann sind wir wirklich glücklich und was vertreibt das Glück stets so verlässlich? Welche Kräfte wirken da?

Wenn ich schon ein halbes Menschenleben gebraucht hatte, zu mutmaßen, dass ein Fehler in meinem Jagd-Nach-Glück-System stecken könnte, wie lange würde es wohl dauern, diesen zu entschlüsseln und den richtigen Weg zu finden? Vielleicht sind nur ein Menschenleben und die Möglichkeiten der Informationsbeschaffung durch bloße Selbstbeobachtung nicht die geeigneten Mittel, um Antwort auf diese Fragen zu erhalten. Genau wie ein Menschenleben kaum lang genug wäre, das gesamte Wissen, das zum Bau eines Passagierflugzeuges nötig ist, zu enthüllen. Das Wissen um die physikalischen Gesetze, die Gewinnung der Materialien und der Herausforderungen der Konstruktion von Flugzeugen, das den Menschen heute ermöglicht, in zehntausenden Metern Höhe binnen Stunden um die Welt zu reisen, wurde von zahlreichen Menschen über mehrere Generationen nach und nach enthüllt und wie ein Puzzle zusammengefügt. Wie komplex ist erst das menschliche Wesen im Vergleich zu einem Flugzeug in Aufbau und Funktion, und wie viele Generationen des Selbst-Studiums bedarf es wohl, dessen Geheimnisse zu entschlüsseln? Welch eine unglaubliche Intelligenz und Kreativität steckt hinter dem Schöpfungsakt eines menschliches Wesens?

„Wo Deine Talente auf die Bedürfnisse der Welt treffen, dort liegt Deine Berufung“, habe ich vor kurzem auf Facebook gelesen. Ich bin mir nicht sicher, ob es Fluch oder Segen ist, dass der Schöpfer mich aus meiner Sicht mit mehr als nur einem Talent bedacht hat. Aber ich bin mir sicher, dass alles aus gutem Grund geschieht. Und so richte ich meine Aufmerksamkeit wieder auf die Orte, an denen ER mit uns spricht, im Innern und im Außen.

Es gibt im Innersten unseres Wesens keinen Mangel, es gibt nichts zu verbessern, aber es gibt eine Verantwortung, die aus der Dankbarkeit für das Geschenk des Lebens erwächst, die Verantwortung, das richtige im Leben zu tun. Aber was das ist? Vielleicht das wovon ich möchte, dass es auch mir geschieht. Ich kann bei allem was ich tue, die Perspektive wechseln, in die durch meine Handlungen tangierter Menschen, Tiere, Pflanzen, Wälder, Flüsse, Seen was auch immer. Wer könnte schon alle Auswirkungen unserer Handlungen auf das Ganze abschätzen? Sie wären wohl endlos mit der gesamten Existenz von allem verbunden und somit mit allem und jedem. Alles in dieser Welt ist für uns und alle anderen Wesen als perfektes und verlässliches System geschaffen, und unsere Verantwortung ist es, uns in Harmonie mit den Gesetzen, die in der Welt wirken zu bewegen. Tun wir das nicht, erzeugen wir Leid, für uns selbst und andere. Nicht Gott schafft Leid sondern nur der Mensch in seiner Gott gegebenen Fähigkeit, sich auch gegensätzlich zur Harmonie zu verhalten. Alles hat Konsequenzen.

Eigentlich erwarte ich keine überraschenden Einsichten. Ich habe zwei drei mögliche Lebens-Modelle, die meiner sich verändernden Sicht auf mich selbst und die Welt Rechnung tragen und Routine und Berufung mit einander verbinden könnten in meinem Hinterkopf. Aber ich bin offen für jegliche Form der Eingebung. Heute bin ich den achten Tag in Südindien und 62 weitere sollen folgen. Spannend das!

SÜDINDIEN – TAG 1 – EINFACH WÄRE LANGWEILIG!

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Der vedische Astrologe hatte mich ja gewarnt.

Obwohl ich meine Checkliste für Südindien bis aufs letzte akkribisch abgearbeitet hatte und pünktlich, wohlgelaunt und bestmöglich vorbereitet meine Reise nach Tiruvannamalai antrete, gibt es wohl kein Entrinnen vor dem angekündigten holprigen Start in meine zweite Reise ins Mekka eines jedes Yogalehrers.

Als ich früh vom Hansaring in Köln mit der S11 Richtung Flughafen Düsseldorf aufbreche, übermannt mich plötzlich die Gewissheit, den Pincode meiner Kreditkarte vergessen zu haben. Ich hatte ihn seit meiner Reise in den Norden Indiens vor 6 Wochen nicht mehr verwendet und ganz offenbar wurde während der Zeit des seicht und geregelt  im Yoga Vidya Center Köln dahintreibenden spirituellen Lebens diese Information vollständig aus mein Gedächtnis gespült. Damit konnte nun wirklich niemand rechnen. Unzählige Male lieferte mein Geist zuvor im Himalaja zuverlässig die Zahlenkombination zu meiner Reisekasse, die sich auch bei dieser Reise auf dem kleinen Stück Plastik befinden würde. Nun, vielleicht fällt sie mir ja noch ein, gräme  ich mich nicht weiter und notiere mir mehrere 4-stellige Zahlenfolgen, die mir vertraut vorkommen in meinem elektronischen Gedächtnis, das mir ein weitaus verlässlicherer Partner ist als mein eigenes.

Vier gewinnt

13 Stunden später: Treffen mit Petra, Checkin in Düsseldorf, 4 Sicherheitskontrollen, Transfer mit der nicht zu unrecht in den Himmel gelobten Airline Emirates, mitternächtlicher Cheescake und Xxl-Donat in Dubai, die Bewältigung zahlreicher Einreiseformalitäten und das Einsammeln unseres Gepäcks liegen erfolgreich hinter uns. Petra und ich rollen mit vollbepacktem Wagen durch den modernen Airport Bangalore Richtung Geldautomat.

Die Stunde der Wahrheit, ich zücke meinen elektronischen Notizblock und tippe die erste Zahlenkombination ein – in meinem Kopf ertönte das scharrende Signal des Zonks – “Lieber Kunde, leider stimmt die Pin nicht…” Mist! Auch nach dem langen Flug ist die Kenntnis der 4 Zahlen nicht in mein Bewusstsein zurückgekehrt. ZOOONK!!! Auch Versuch Nummer zwei ist ein Griff ins Klo. ZOOONK!!! “Ihre Karte wurde gesperrt, bitte wenden Sie sich an ihr Kreditinstitut.” Ich hatte mich schon darauf eingestellt, wohl meine EC-Karte einsetzen zu müssen. Niemals würde ich, ohne mich abzusichern, eine solche Reise ans andere Ende der Welt antreten. Ich krame nicht allzu nervös in meiner Geldbörse herum, irgend etwas ist darin anders.

Wo ist eigentlich meine EC-Karte?

Jedenfalls nicht dort, wo sie sein sollte. Ich lasse meine Hände eilig durch die zahlreichen Taschen meiner Weste, ein Mitbringsel aus Rishikesh, wandern, durch die der Jeans, des Hoodys… nichts. Fuck!  Morgens am Hansaring am Fahrkartenautomaten hatte ich sie noch, un den Fahrbeleg bekommt man erst, wenn man die Karte wieder an sich genommen hat. Ich schau ins Portemonnaie, der Fahrbeleg ist noch da wo ich ihn hingesteckt hatte. Nur das Kärtchen fehlte. Ich durchsuche nochmals alle Taschen, entleere sie, nichts. Puls und Herzschlag erhöhen sich etwas. Mein Plan B hat sich offenbar irgendwann zwischen Hansaring und Bangalore von mir verabschiedet. Am wahrscheinlichsten ist, dass sie mir bei einer der zahlreichen Sicherheitskontrollen aus der Börse gerutscht ist, keine Ahnung, jedenfalls bekommen ich jetzt auch so nicht an die Freiheit stiftenden Rupien. Ich hatte am Paketband zuvor 200€ in Bar in Rupien zum überteuerten Airport-Tarif getauscht, so dass ich fürs erste nicht völlig aufgeschmissen sein würde, aber ich würde jetzt einiges in Bewegung setzen müssen, damit das finanzielle Fundament meiner 10-wöchigen Indienreise wieder ins Reine käme.

Petra habe ich vor zwei Jahren zu Beginn meine Yogalehrerausbildung in Köln kennengelernt. Sie war mit einer kleinen Verzögerung zu unserer dreißig Köpfe zählende Klasse von angehenden Yogalehrern gestoßen, beschäftigte sich schon lange mit Yoga, war Vegetarierin, vielgereist und eine kleine und mutige Weltverbesserin. Während der Ausbildung freundeten wir uns an, und ich bin sehr froh, dass wir gemeinsam reisen.

Petra ist Zeugin meiner vergeblichen Suche nach Zahlen und Plastikkärtchen und versucht ihr bestes, mich zu unterstützen. Als Ishvara, die Kraft, die Gesetze und die Intelligenz, welche den gesamten Kosmos in Harmonie halten, offenbart, dass er es für eine gute Idee hält, am Anfang unserer Reise meine Wachsamkeit etwas aufzurütteln, lächelt sie mich beruhigend an und meint, es wird schon irgendwie gehen. Ja das wird es, denke ich mir, und ärgere mich trotzdem ein wenig, über diesen ungeplanten Schlenker.

Hallo Taxi?

Wir ziehen bereits das zweite Mal mit unserem Wagen an den Taxifahrern mit den Schildern in der Hand vorbei, entdecken aber kein Schild, dass den Namen Klehn zeigt. Okay, soglangsam schwindet meine Freude. Mit Graus erinnere ich mich an die Ankunft am Flughafen Neu Delhi, wo ich mit einem der Abzockertaxen vom Flughafen aufgebrochen war. Ich hatte diesmal ein Taxi beim Hotel beauftragt, aber, welch eine Überraschung, es war nicht da. Zu allem Unglück versagt auch mein kleiner neu erworbener mobiler Wifi-Adapter seinen Dienst, so dass ich jetzt ohne Internet, ohne funktionierende Kreditkarte, ohne EC-Karte und ohne Plan wie wir nun ins 200km entfernte Tiruvannamalai kommen sollen vor dem Airport, in den wir auch nicht mehr hineinkommen würden. Petra lächelt immer noch. Ich wundere mich ein wenig. Ist das Naivität oder Gleichmut? Sie lädt mich erst einmal auf ein Getränk ein, eine Cola? Ja eine Cola. Ich muss meine Gedanken sortieren, ich brauche einen neuen Plan, was machen wir jetzt… ich atme tief ein und gerade als ich meinen Denkapparat anschmeißen will, kommt ein Typ in einem lotterigen, schmutzigen weißen Outfit an meinen Wagen, hält mir einen Zettel unter die Nase. “Tiruvannamalai?” Ja Baby! Tiruvannamalai! Woher weiß er das denn? Auf dem Zettel steht in krakeliger Schrift der Name TomE – das soll wohl ich sein. Juhu, unser Taxifahrer hat uns gefunden. Ich hatte dem Hotel ein Foto von mir und meinem Gepäck geschickt, nur um sicher zu gehen, für den Fahrer, DIESER Plan ist aufgegangen. Danke Ishvara! Petra stößt mit einer kleinen Dose Cola in der Hand dazu und lächelt immer noch.

Die 6-stündige Fahrt geht über gut geteerte Straßen, oft sogar mit 100km/h. Während bunte Menschen, Häuser und Tempel auf der Leinwand der Taxifenster an uns vorbeiziehen, tauchen wir langsam und erschöpft ein, in die bunte, roterdige, warme Welt Südindiens.

NORDINDIEN – TAG 1 – WELCOME TO HORRORLAND!

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Welcome to Horrorland

25.09.14 – Mittwoch – Ankunft Airport Neu Delhi

4:30 Ortszeit: Die schönere, kleine, indische Schwester von Nina Dobrev tanzt vor mir auf dem Laufband Richtung Gepäckausgabe. Das anmutige Wesen bindet meine Blicke. Schöne Seiten hat Indien, denke ich mir als sie leichtfüßig und unbekümmert davonhüpft. Ich schnuppere nach dem mir angekündigten Fäkalduft. Okay, es riecht leicht muffig hier im Airport von Neu Delhi, das liegt sicher an der Auslegware, die, was die Optik angeht, wohl schon seit den 70ern hier rumliegt. Aber ich habe schon schlimmeres gerochen. Kuschlig scheint es zu sein auf dem Boden. Einige Reisende haben es sich lang ausgestreckt auf ihm gemütlich gemacht.

Schwer bepackt mit Seesack, Videoequipment und Wandergitarre verkrieche ich mich in einem Behindertenklo. Morgentoilette auf indisch. Raus aus dem Sonntagsoutfit rein in den Schlabberlook. Der freundliche air-tel Mann im Ausgangsbereich bietet mir das 1GB Datenpaket plus 351 Minuten für 16 Euro an, ich nehme 3GB ab für 24. Ich müsse bis 10 Uhr warten, dann könnte ich lostelefonieren. Ich bin skeptisch und beschließe, bis dahin in der Nähe des Standes ein Nickerchen zu machen. Aus meinem Gepäck baue ich ein XXL-Kissen, Schlafbrille, Ohropax…, der Sprecher des indischen Nachrichtenkanals im Flatscreen über mir hat wirklich ein lautes Organ. Der ATM spuckt 20.000 Rupien aus, es gibt Omelett mit Toast, dazu ein Tee, juhu, ich bin online und beschließe, mich ins Abenteuer Neu Delhi zu stürzen.

Shoppingparadies Neu Delhi – Das Reinrausspiel

Ein Taxifahrer in blauer Hose und weißem Hemd hat mich vor dem Airport entdeckt und lotst mich unter lautem Gezeter der Kollegen, die in der Reihe vor ihm standen, zu seinem Wagen. „Ich möchte zu einer großen Shopping-Mall bitte – am besten eine, wo es einen Laden mit indischen Musik-Instrumenten und einen mit Foto- und Videoequipment gibt.“ Plötzlich stehen fünf Fahrer aufgeregt diskutierend um mich herum. Ja, da gäbe es diese große Shopping-Mall mit all dem und noch viel mehr, und sie wäre auch gar nicht weit weg. Für knapp 20€ würde ich da hinkommen. Okay sage ich, dann mal los, ich müsse heute schließlich noch weiter ins ca. 250km entfernte Rishikesh.

Wenn ich mich in Deutschland zum Einkaufen in die Innenstadt Kölns bewege, ist das ein zeiteffizientes Musterbeispiel männlichen Strategentums. Rein und wieder raus in Ideallinie. Bloß nicht zu viel Zeit vertrödeln. Ha, das wird hier sicher auch klappen. Gute Idee von mir, mich von dem Taxifahrer direkt zur Mall fahren zu lassen. Die kennen sich ja schließlich aus hier.

Während wir durch das hupende Verkehrsdurcheinander von Neu Delhi treiben, sehe ich mich gedanklich schon mein kleines Reiseharmonium spielend durch eine große, schillernde Halle voller exotischer Waren lustwandeln. Bisschen wie in den Dokus über Dubai oder so wie in Amerika. Ich hab ja schon gehört, dass es hier auch sehr arme Gegenden gibt. Wir fahren wohl grad durch so eine. Häuserruinen von denen ich nicht sagen kann, ob sie schon fertig gewohnt oder einfach nicht weitergebaut worden sind. Kleine versiffte Karren von Straßenhändlern, Hunde, Kühe, kleine und große Menschen, die auf dem Bürgersteig im Dreck leben.

Wir sind auf dem Weg zur legendären Gore-Mall. Google-Maps hat es schon gefunden. Ich freue mich, es sind nur noch 61 Meter bis zum Ziel. Hier, in einer Gegend, die als Kulisse für Endzeit-Katastrophenfilme herhalten könnte, hier bauen die solche Malls hin!? Ich wundere mich ein wenig und wähne hinter der nächsten Biegung den ersehnten Shoppingpalast. Stromadapter, SD-Karten, vielleicht eine Funkstrecke, ein Miniharmonium, das wird toll. Meine Taschen sind voller Rupien und ich gedenke, sie unters Volk zu bringen.

Der Fahrer hält mitten auf einem kleinen Kreisverkehr und bedeutet mir, auszusteigen und ihm zu folgen. Wir laufen ein Stück vom Auto weg, er bleibt stehen und schaut sich suchend um, ich auch. Wo ist denn die Mall? Ich solle mal kurz warten. Ich laufe ein Stück Richtung Wagen zurück, schließlich befindet sich da nicht nur mein tolles neues Videoequipment, sondern auch mein gesamtes Gepäck. Das behalte ich doch mal lieber im Blick. Man weiß ja nie. Der Fahrer kommt nach einigen Minuten zurück und zieht mich vom Auto weg durch verdreckten Gassen, die mit Autos und Leuten vollgestopft sind. Es ist heiß und staubig.

Die Mall

Dann tut sie sich vor uns auf, DIE MALL. Sieht gar nicht mal so aus wie ich dachte, naja, gehen wir mal rein. Ein freundlicher Sicherheitsmann hält uns die Tür auf. Ich werde von Räucherduft und nett grinsenden indischen Verkäufern begrüßt. Im ausladenden Raum stapeln sich kostbare Stoffe. In einem anderen Raum hängen haufenweise Gold und Geschmeide. Wo denn die Videoabteilung sei, frage ich. Der freundliche Verkäufer lacht laut los, hahaha, nein, so etwas hätten sie hier nicht, aber ich solle mich doch trotzdem mal umsehen. Ich schaue erst auf die Uhr und dann meinen Fahrer, der die Belegschaft hier zu kennen scheint, fragend an. Es müsse sich hierbei um ein Missverständnis handeln, meine ich, ich wollte doch zu einer GROßEN Shoppingmal. Zur Veranschaulichung zeichne ich mit meinen Armen ein großes Gebäude. Ausgelassen lachend hält sich der Verkäufer abermals den Bauch. Ja, wir haben hier vier Etagen, feinste indische Handwerkskunst. Ich verziehe das Gesicht. Ob sie denn auch Harmoniums hätten, frage ich. Ja natürlich, viele, ganz oben in der vierten Etage. Ich solle doch mal hochgehen, mein Fahrer würde hier so lange auf mich warten. Ja klar, ich verschwinde in den Eingeweiden dieses Touritempels und mein Fahrer mit meinem Gepäck. Ich bedeute ihm, doch mit mir mitzugehen. Er trottet hinter mir her.

Im ersten Stock befindet sich die T-Shirtabteilung. Die nette Verkäuferin weiß bereits, dass ich zu den Instrumenten will, dennoch möchte sie meine Aufmerksamkeit auf die vielen tollen Obertrikotagen für den modebewussten Europäer lenken. Ich lehne dankend und etwas schmerzhaft lächelnd ab und begebe mich leicht gehetzt in die nächste Etage. Murtis, Götterfiguren in jeder Art und Größe. Normal würde mich das sehr interessieren aber nicht heute. Rein und raus, das ist der Plan! Wo sind denn jetzt die Harmoniums?

Brav erzähle ich den fünf Verkäufern deren Hände ich auf dem Weg nach oben schütteln muss, dass ich aus Deutschland komme und das erste Mal in Indien sei. Vielleicht keine so gute Idee, na was soll’s. Wo ist eigentlich mein Taxifahrer abgeblieben. Verdammt, der sollte doch mitkommen. Ich bin in der vierten Etage und sehe ein paar angestaubte Instrumente, große und kleine, die großen sind zu groß. Solche Ungeheuer bekomme ich doch gar nicht transportiert. Ich wolle so ein kleines zum Unter den Arm schnallen, wie ich es auf Youtube gesehen habe, gebe ich dem Verkäufe zu verstehen bin mit meiner Aufmerksamkeit aber bei meinem verschwundenen Taxifahrer. Der freundliche Inder kramt noch ein weiteres, kleineres Harmonium hervor. Ich habe kein Auge dafür.

Ich sorge mich um mein Gepäck, das irgendwo unten in einem Taxi liegt, dessen Fahrer sich soeben in Luft aufgelöst hat. Ich sehe mich um mein Hab und Gut erleichtert und ohne fahrbaren Untersatz hier in the Middle of nowhere festsitzen. Ich muss dem Taxifahrer hinterher, bevor der sich auf nimmer wiedersehen verdünnisiert, denke ich, während ich schnell ein paar Akkorde auf dem Harmonium spiele, um festzustellen, dass es grauenhaft klingt. Nein das Große will ich wirklich nicht probieren, es ist zu groß! Wie viel ich denn bezahlen wolle. Einen angemessenen Preis, wenn ich denn bekäme was ich wolle, was hier ganz offensichtlich nicht der Fall ist. Ich muss nach unten zum Taxi, verbeuge mich lächelnd und sprinte die Treppen runter. Danke und Tschüss, ich komme ganz sicher wieder, in vier Wochen dann, da hätte ich ja auch mehr Zeit.

Haltet den Dieb!

Ich renne zurück zum Kreisverkehr und habe ein ganz blödes Gefühl. Wie wäre es wohl die fünf Wochen Indien so ganz ohne Gepäck zu verbringen. Ich überschlage den Wert meiner Mitbringsel… 4-5000 Euro, das würde sich schon lohnen für diesen kleinen Halunken. Ich habe noch den Auftrag, die Quittung für die Fahrt von der Taxifirma in der Tasche und versuche mich vergeblich an das Gesicht des Fahrers zu erinnern. Ob das überhaupt ein Taxifahrer war? Das wäre echt eine gute Masche, Touris abzuzocken. Wie konnte ich nur so blöd sein, mein Zeug aus den Augen zu lassen. Ich biege um die letzte Ecke, der Wagen ist samt Fahrer spurlos verschwunden.

Autsch, das hat gesessen. Verzweifelt lasse ich meine Blicke kreisen. Ich renne zurück zu dem Laden. Ich halte nach dem Taxi Ausschau, aber ich würde es ja nicht einmal wiedererkennen, keine Ahnung was das für ein Auto war. Mist, ich muss die Polizei verständigen. Zurück am Laden hält mir der freundliche Sicherheitsmann abermals die Tür auf und lässt mich zurück zu den freundlichen Verkäufern und ihren Kostbarkeiten. Ob die hier Überwachungskameras haben. So könnte man den Dieb gegenüber der Polizei identifizieren. Ich blicke mich hilfesuchend um, da läuft mir ein Mann mit weißem Hemd in die Arme. Mir fällt ein Riesenstein vom Herzen, ich lasse mir das nicht anmerken und gebe meinem Taxifahrer zu verstehen, wir wären hier falsch und wir sollten doch vielleicht zu der Mall fahren von denen die Verkäufer hier berichtet hatten. Die Raket-City-Mall. Ja, da gäbe es alles was ich suche, meinten die Männer. Das Taxi mit meinen Sachen wartet auf uns direkt vor dem Laden. Der Fahrer hatte es umgestellt. Wieder befinden wir uns im lärmenden Getümmel des Verkehrsstromes. Die Hupe ist hier ein unverzichtbares Mittel zur Kommunikation unter den Fahrern, wie ich auf der Fahrt in den Himalaja noch lernen werde.

Money, Money, Money

Während der Fahrt recherchiere ich im Internet auf dem Handy einen Laden für Video- und Kameraequipment und halte dem Fahrer das Handy mit der Adresse unter die Nase. Er ruft dort an, sagt okay, da fahren wir jetzt hin. Die Idee zur raket-Mall zu fahren, hatte er zwischenzeitlich selbständig wieder verworfen. Er müsste mir jetzt übrigens eine Kleinigkeit mehr berechnen, für den zusätzlichen Aufwand. War ja klar, denke ich und frage wie viel denn. Nur 1000 Rupien. Ich lache und scherze, das ist ja gar nichts. Er freut sich und schlägt ein. Sarkasmus vermittelt sich über eine dritte Sprache anscheinend nur schwer. Na was soll’s. Immerhin bewegen wir uns jetzt Richtung Stadtcentrum. Er ruft nach einiger Zeit noch einmal bei dem Laden an, legt auf und verzieht das Gesicht. Der Laden wo wir jetzt hin wollten hätte geschlossen. Wir sollten doch besser zu der empfohlenen Raket-Mall fahren. Ist mir alles recht, solange wir hier im Zentrum bleiben, denke ich. Da kann ich mich dann gut von dem Fahrer, der mich nach Rishikesh bringen soll, finden und abholen lassen. Mein vieles Gepäck macht mir ein wenig Sorgen. Da kann ich nicht ewig mit durch die schlecht löchrigen Straßen ziehen. Die chinesische 3€ Klapphandkarre, die meinen 31Kilo-Seesack tragen muss, droht in der Hitze bald die Grätsche zu machen.

Wir halten unvermittelt vor einem Hochhaus, das definitiv kein Einkaufszentrum ist. Wortlos steigt der Fahrer aus und verschwindet in einer Unterführung. Ich spiele mit meinem Handy und plane wo ich den anderen Fahrer am besten hin lotsen könnte. Plötzlich setzt sich der Wagen wieder in Bewegung. Der Fahrer hatte sich wohl umgezogen. Blauer Overall statt weißes Hemd. Während wir losrollen schaue zur Seite auf und blicke überrascht in das Gesicht eines Fremden. Hi sage ich perplex, Hi sagt er und parkt das Auto einige Meter um, bevor er wieder aussteigt und mich mit meinem Handy zurücklässt. Sehr eigenartig, denke ich mir und freue mich, dass mein Fahrer, der sichtlich mit der Hitze zu kämpfen hat nun fröhlich winkend zum Auto zurückkommt. Er müsse jetzt erst mal eine Rauchen sagt er, stellt die Klimaanlage im Auto an und verschwindet erneut. Gut, dass ich einen Fixpreis habe, denke ich mir. Er kommt zurück und nimmt mich mit. Wir laufen an bettelnden Frauen vorbei.

Ich klopfe meinem sich den Schweiß von der Stirn wischendem Fahrer mitfühlend auf die Schultern. Er hat es schon nicht leicht mit mir. Er macht mich schelmisch grinsend auf eine stylische Junginderin aufmerksam, die gerade in einer Rikscha verschwindet. Hübsch, sage ich, er grinst und bietet mir an, wenn ich zurückkomme nach Neu Delhi, soll ich ihn anrufen, dann macht er was klar mit einer netten Inderin. Ich hatte ihm zwischenzeitlich erzählt, dass ich weder Freundin noch Ehefrau habe. Ich bedanke mich herzlich für sein fürsorgliches Angebot. Er würde mir dann noch seine Karte geben. Hier habe ich einen wirklich guten Freund gefunden, lache ich innerlich. Auf der Rückseite des Hochhauses steht ein schwer bewaffneter Wachmann, der uns eine wuchtige goldene Tür öffnet. Werde ich endlich das geplante Rein und wieder Raus Spiel abschließen können. Ich bin mehr als skeptisch.

Zwei wohlgekleidete Inder heißen mich in einem dezent ausgeleuchteten gut klimatisierten Empfangsaal willkommen, der mit kunstvollen Wandteppichen hinter Glas geschmückt ist. Innerlich übergebe ich mich bereits in meinen eigenen Mund. Ich weiß, dass ich die Frage nach der Videoabteilung stecken lassen kann. Na was soll’s, spielen wir halt den dämlichen Touri – ach – sie haben hier gar kein Video Equipment? Ach in die Chroma-Mall müssen wir. Ja hätten wir das doch nur früher gewusst, ich winke ab, will nur noch zu einem Ort, von dem aus mich Fahrer Nummer zwei nach Rishikesh bringen kann. Nein, ich möchte mir wirklich keine Teppiche anschauen. Vielen Dank.

Ende mit Schmerzen

Ob denn mein Fahrer diese Chroma-Mall kennen würde, frage ich ihn auf dem Rückweg zum Auto. Ob er mich denn vielleicht lieber am Bahnhof absetzen möchte, wenn es ihm zu anstrengend mit mir sei? Nein nein, es würde schon gehen. Jetzt hätten wir es ja auch gleich geschafft. Er wendet und es geht zurück ins Zentrum. Plötzlich sehe ich das Schild des Ladens den ich zuvor im Netz recherchiert hatte an uns vorbeiziehen, sieht irgendwie gar nicht verschlossen aus. Stop schreie ich. Drop-Off? Ja Drop-Off – bitte, unbedingt! Ich wuchte mein Gepäck in die brennende mittagssonne auf den staubigen Streifen neben der Straße und drücke dem Faher eilig seine Kohle in die Hand. Er jammert und weint fast, dass ich ihm nur 300 Rupien ontop als Entschädigung für seine Mühe geben wollte, ich grade kommentarlosauf 500 up, drücke ihm sehr herzlich die Hand, bedanke mich für die schöne gemeinsame Zeit und schau ihm dabei lang und tief in die Augen. Bei der ganzen Herzlichkeit vergaß mein neuer bester Freund ganz, mir seine Visitenkarte zu geben. Wir wollten doch nach meiner Rückkehr gemeinsam Neu Delhis Frauenwelt auf den Kopf stellen. Naja. Reisende soll man nicht aufhalten, denke ich mir, und betrete endlich die gut klimatisierte Verkaufsfläche des wahrscheinlich teuersten Foto- und Videozubehörladens in ganz Asien.

Achterbahn auf der Todespiste

Mein Freund Krishna aus Köln, mit dem ich mich eigentlich in Neu Delhi treffen wollte, rief mich endlich auf meinem Handy zurück. Ich erzählte ihm von meinem Abenteuer mit Mister „Ich fahre Dich dahin wo ich will und Du zahlst dafür bitte extra“ und er bestätigte, in Indien sei immer alles kein Problem, und dann sei plötzlich alles ein Riesenproblem. Ich solle mich vorsehen. Die Verabredung mit Fahrer Nummer zwei im Laden hatte geklappt und für nur 500 Rupien mehr als ich der Nummer eins für die ergebnislose Irrfahrt durch Neu Delhi gezahlt hatte würde dieser nun mich ganze sieben Stunden nach Rishikesh fahren. Wie man für eine 250km kurze Strecke sieben Stunden brauchen könnte war mir ein Rätsel, aber ich war wohl gelaunt, hatte ich doch noch all mein Gepäck und im Laden sogar noch eine neue SD-Karte zum Superfreundschaftspreis erstehen können. Fahrer Nummer zwei machte einen seriösen, zurückhaltenden Eindruck.

Sieben Stunden Dauerhupen, Gedränge und Durcheinander von Fahrrädern, Ochsengespannen, Lastern, überfüllten Bussen, Handkarren und immer wieder auch Fußgängern auf einer großen drei- bis vierspurigen Straße, die stadtauswärts führt. Wir kommen nur mühsam voran, genau wie der Rettungswagen, der schon seit einiger Zeit mit laufender Sirene zwei Reihen neben uns feststeckt. Ich beobachte das Fahrverhalten, das einem wirklich Angst und Bange werden lassen kann, und meine, ein Muster in der Huperei erkennen zu können. Wann immer man sich einem anderen Fahrzeug nähert, um es zu überholen, was man hier da macht wo eben Platz ist, beziehungsweise wo man sich diesen zu erkämpfen gedenkt, dann wird vorsorglich und ausgiebig gehupt. Und da alle hier permanent über die vier Wagenbreiten der Straße kreuz und quer ausscheren, überholen und wieder nach hinten fallen, hupt es unaufhörlich.

Ich setze Schlafmaske und Ohropax an ihren Platz, blase das Nackenkissen auf und siehe mir die Kappe tief ins Gesicht. Ich müsse jetzt mal schlafen verabschiede ich mich aus dem systematischen Chaos. Als ich wieder zu mir komme dämmerte es bereits. Links sind grad’ zwei Laster ineinander gerast. Viele Leute stehen betroffen drum herum, die Wracks sehen übel aus. Wir halten in einem Imbiss, und ich genehmige mit vier Käsetoasts und eine Cola, Empfehlung des Hauses, gar nicht mal so schlecht. Mein Fahrer isst weiter hinten für sich allein. Ich mutmaße, dass ich für unser beider Essen bezahlt habe. Weiter geht’s. Es wird Nacht, tiefschwarze Nacht.

Die Straße ist unbeleuchtet und wird mehr und mehr zur holprigen Sandpiste, die wir uns nun mit in Staubwolken gehüllte heranrasenden Lastern teilen müssen. Gespenstisch. Ich versuche innerlich gelassen zu bleiben. Es gelingt. Plötzlich kommen wir zum Stehen. Die Straße ist voller Leute, laute Musik – eine Art Loveparade? Geschmückte Wagen, ein Kapelle, Tänzerinnen. Cool, leuchtende Wagen von weißen Ochsen gezogen, hier wird wohl was gefeiert. Ein Feuerwerk, toll!

Mein Fahrer hat großen Gefallen daran, während der Fahrt laut zu Rülpsen und zu Furzen. Es scheint ihn wirklich von einer großen Last zu befreien, das was da in ihm brodelt rauszulassen. Er ist in seiner eigenen Welt und lässt sich auch nicht von dem regungslos am Straßenrand liegenden Mann aus der Ruhe bringen, der unbeachtet von den ihn kurz ins Licht zurückholenden vorbeiziehenden Autos wohl erst vor kurzem seinen letzten Atemzug getan hat. Einige Meter Dunkelheit weiter steht ein Laster, der ein nicht mehr zu identifizierendes etwas unter sich begraben hat. Vermutlich ein Roller, oder ein Fahrrad. Zwischen den sich immer im allerletzten Moment ausweichenden entgegenkommenden Fahrzeugen tauchen immer wieder unbeleuchtete Fahrräder auf und Fußgänger. Der Mann im Graben gehörte wohl zu diesem zerstörten Vehikel unter dem Laster. Es ist schwül, warm und es stinkt. Inzwischen sind wir seit 6 Stunden unterwegs. Hoffentlich sind wir bald da.

Lektion Nummer eins in Indien: Alles ist anders als erwartet…

PILGERTOUR NORDINDIEN – AUF GEHT’S

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Indien Baby!!!

5 Wochen durch Nordindien pilgern…