NORDINDIEN – TAG 1 – WELCOME TO HORRORLAND!
NORDINDIEN – TAG 1 – WELCOME TO HORRORLAND!

NORDINDIEN – TAG 1 – WELCOME TO HORRORLAND!

Welcome to Horrorland

25.09.14 – Mittwoch – Ankunft Airport Neu Delhi

4:30 Ortszeit: Die schönere, kleine, indische Schwester von Nina Dobrev tanzt vor mir auf dem Laufband Richtung Gepäckausgabe. Das anmutige Wesen bindet meine Blicke. Schöne Seiten hat Indien, denke ich mir als sie leichtfüßig und unbekümmert davonhüpft. Ich schnuppere nach dem mir angekündigten Fäkalduft. Okay, es riecht leicht muffig hier im Airport von Neu Delhi, das liegt sicher an der Auslegware, die, was die Optik angeht, wohl schon seit den 70ern hier rumliegt. Aber ich habe schon schlimmeres gerochen. Kuschlig scheint es zu sein auf dem Boden. Einige Reisende haben es sich lang ausgestreckt auf ihm gemütlich gemacht.

Schwer bepackt mit Seesack, Videoequipment und Wandergitarre verkrieche ich mich in einem Behindertenklo. Morgentoilette auf indisch. Raus aus dem Sonntagsoutfit rein in den Schlabberlook. Der freundliche air-tel Mann im Ausgangsbereich bietet mir das 1GB Datenpaket plus 351 Minuten für 16 Euro an, ich nehme 3GB ab für 24. Ich müsse bis 10 Uhr warten, dann könnte ich lostelefonieren. Ich bin skeptisch und beschließe, bis dahin in der Nähe des Standes ein Nickerchen zu machen. Aus meinem Gepäck baue ich ein XXL-Kissen, Schlafbrille, Ohropax…, der Sprecher des indischen Nachrichtenkanals im Flatscreen über mir hat wirklich ein lautes Organ. Der ATM spuckt 20.000 Rupien aus, es gibt Omelett mit Toast, dazu ein Tee, juhu, ich bin online und beschließe, mich ins Abenteuer Neu Delhi zu stürzen.

Shoppingparadies Neu Delhi – Das Reinrausspiel

Ein Taxifahrer in blauer Hose und weißem Hemd hat mich vor dem Airport entdeckt und lotst mich unter lautem Gezeter der Kollegen, die in der Reihe vor ihm standen, zu seinem Wagen. „Ich möchte zu einer großen Shopping-Mall bitte – am besten eine, wo es einen Laden mit indischen Musik-Instrumenten und einen mit Foto- und Videoequipment gibt.“ Plötzlich stehen fünf Fahrer aufgeregt diskutierend um mich herum. Ja, da gäbe es diese große Shopping-Mall mit all dem und noch viel mehr, und sie wäre auch gar nicht weit weg. Für knapp 20€ würde ich da hinkommen. Okay sage ich, dann mal los, ich müsse heute schließlich noch weiter ins ca. 250km entfernte Rishikesh.

Wenn ich mich in Deutschland zum Einkaufen in die Innenstadt Kölns bewege, ist das ein zeiteffizientes Musterbeispiel männlichen Strategentums. Rein und wieder raus in Ideallinie. Bloß nicht zu viel Zeit vertrödeln. Ha, das wird hier sicher auch klappen. Gute Idee von mir, mich von dem Taxifahrer direkt zur Mall fahren zu lassen. Die kennen sich ja schließlich aus hier.

Während wir durch das hupende Verkehrsdurcheinander von Neu Delhi treiben, sehe ich mich gedanklich schon mein kleines Reiseharmonium spielend durch eine große, schillernde Halle voller exotischer Waren lustwandeln. Bisschen wie in den Dokus über Dubai oder so wie in Amerika. Ich hab ja schon gehört, dass es hier auch sehr arme Gegenden gibt. Wir fahren wohl grad durch so eine. Häuserruinen von denen ich nicht sagen kann, ob sie schon fertig gewohnt oder einfach nicht weitergebaut worden sind. Kleine versiffte Karren von Straßenhändlern, Hunde, Kühe, kleine und große Menschen, die auf dem Bürgersteig im Dreck leben.

Wir sind auf dem Weg zur legendären Gore-Mall. Google-Maps hat es schon gefunden. Ich freue mich, es sind nur noch 61 Meter bis zum Ziel. Hier, in einer Gegend, die als Kulisse für Endzeit-Katastrophenfilme herhalten könnte, hier bauen die solche Malls hin!? Ich wundere mich ein wenig und wähne hinter der nächsten Biegung den ersehnten Shoppingpalast. Stromadapter, SD-Karten, vielleicht eine Funkstrecke, ein Miniharmonium, das wird toll. Meine Taschen sind voller Rupien und ich gedenke, sie unters Volk zu bringen.

Der Fahrer hält mitten auf einem kleinen Kreisverkehr und bedeutet mir, auszusteigen und ihm zu folgen. Wir laufen ein Stück vom Auto weg, er bleibt stehen und schaut sich suchend um, ich auch. Wo ist denn die Mall? Ich solle mal kurz warten. Ich laufe ein Stück Richtung Wagen zurück, schließlich befindet sich da nicht nur mein tolles neues Videoequipment, sondern auch mein gesamtes Gepäck. Das behalte ich doch mal lieber im Blick. Man weiß ja nie. Der Fahrer kommt nach einigen Minuten zurück und zieht mich vom Auto weg durch verdreckten Gassen, die mit Autos und Leuten vollgestopft sind. Es ist heiß und staubig.

Die Mall

Dann tut sie sich vor uns auf, DIE MALL. Sieht gar nicht mal so aus wie ich dachte, naja, gehen wir mal rein. Ein freundlicher Sicherheitsmann hält uns die Tür auf. Ich werde von Räucherduft und nett grinsenden indischen Verkäufern begrüßt. Im ausladenden Raum stapeln sich kostbare Stoffe. In einem anderen Raum hängen haufenweise Gold und Geschmeide. Wo denn die Videoabteilung sei, frage ich. Der freundliche Verkäufer lacht laut los, hahaha, nein, so etwas hätten sie hier nicht, aber ich solle mich doch trotzdem mal umsehen. Ich schaue erst auf die Uhr und dann meinen Fahrer, der die Belegschaft hier zu kennen scheint, fragend an. Es müsse sich hierbei um ein Missverständnis handeln, meine ich, ich wollte doch zu einer GROßEN Shoppingmal. Zur Veranschaulichung zeichne ich mit meinen Armen ein großes Gebäude. Ausgelassen lachend hält sich der Verkäufer abermals den Bauch. Ja, wir haben hier vier Etagen, feinste indische Handwerkskunst. Ich verziehe das Gesicht. Ob sie denn auch Harmoniums hätten, frage ich. Ja natürlich, viele, ganz oben in der vierten Etage. Ich solle doch mal hochgehen, mein Fahrer würde hier so lange auf mich warten. Ja klar, ich verschwinde in den Eingeweiden dieses Touritempels und mein Fahrer mit meinem Gepäck. Ich bedeute ihm, doch mit mir mitzugehen. Er trottet hinter mir her.

Im ersten Stock befindet sich die T-Shirtabteilung. Die nette Verkäuferin weiß bereits, dass ich zu den Instrumenten will, dennoch möchte sie meine Aufmerksamkeit auf die vielen tollen Obertrikotagen für den modebewussten Europäer lenken. Ich lehne dankend und etwas schmerzhaft lächelnd ab und begebe mich leicht gehetzt in die nächste Etage. Murtis, Götterfiguren in jeder Art und Größe. Normal würde mich das sehr interessieren aber nicht heute. Rein und raus, das ist der Plan! Wo sind denn jetzt die Harmoniums?

Brav erzähle ich den fünf Verkäufern deren Hände ich auf dem Weg nach oben schütteln muss, dass ich aus Deutschland komme und das erste Mal in Indien sei. Vielleicht keine so gute Idee, na was soll’s. Wo ist eigentlich mein Taxifahrer abgeblieben. Verdammt, der sollte doch mitkommen. Ich bin in der vierten Etage und sehe ein paar angestaubte Instrumente, große und kleine, die großen sind zu groß. Solche Ungeheuer bekomme ich doch gar nicht transportiert. Ich wolle so ein kleines zum Unter den Arm schnallen, wie ich es auf Youtube gesehen habe, gebe ich dem Verkäufe zu verstehen bin mit meiner Aufmerksamkeit aber bei meinem verschwundenen Taxifahrer. Der freundliche Inder kramt noch ein weiteres, kleineres Harmonium hervor. Ich habe kein Auge dafür.

Ich sorge mich um mein Gepäck, das irgendwo unten in einem Taxi liegt, dessen Fahrer sich soeben in Luft aufgelöst hat. Ich sehe mich um mein Hab und Gut erleichtert und ohne fahrbaren Untersatz hier in the Middle of nowhere festsitzen. Ich muss dem Taxifahrer hinterher, bevor der sich auf nimmer wiedersehen verdünnisiert, denke ich, während ich schnell ein paar Akkorde auf dem Harmonium spiele, um festzustellen, dass es grauenhaft klingt. Nein das Große will ich wirklich nicht probieren, es ist zu groß! Wie viel ich denn bezahlen wolle. Einen angemessenen Preis, wenn ich denn bekäme was ich wolle, was hier ganz offensichtlich nicht der Fall ist. Ich muss nach unten zum Taxi, verbeuge mich lächelnd und sprinte die Treppen runter. Danke und Tschüss, ich komme ganz sicher wieder, in vier Wochen dann, da hätte ich ja auch mehr Zeit.

Haltet den Dieb!

Ich renne zurück zum Kreisverkehr und habe ein ganz blödes Gefühl. Wie wäre es wohl die fünf Wochen Indien so ganz ohne Gepäck zu verbringen. Ich überschlage den Wert meiner Mitbringsel… 4-5000 Euro, das würde sich schon lohnen für diesen kleinen Halunken. Ich habe noch den Auftrag, die Quittung für die Fahrt von der Taxifirma in der Tasche und versuche mich vergeblich an das Gesicht des Fahrers zu erinnern. Ob das überhaupt ein Taxifahrer war? Das wäre echt eine gute Masche, Touris abzuzocken. Wie konnte ich nur so blöd sein, mein Zeug aus den Augen zu lassen. Ich biege um die letzte Ecke, der Wagen ist samt Fahrer spurlos verschwunden.

Autsch, das hat gesessen. Verzweifelt lasse ich meine Blicke kreisen. Ich renne zurück zu dem Laden. Ich halte nach dem Taxi Ausschau, aber ich würde es ja nicht einmal wiedererkennen, keine Ahnung was das für ein Auto war. Mist, ich muss die Polizei verständigen. Zurück am Laden hält mir der freundliche Sicherheitsmann abermals die Tür auf und lässt mich zurück zu den freundlichen Verkäufern und ihren Kostbarkeiten. Ob die hier Überwachungskameras haben. So könnte man den Dieb gegenüber der Polizei identifizieren. Ich blicke mich hilfesuchend um, da läuft mir ein Mann mit weißem Hemd in die Arme. Mir fällt ein Riesenstein vom Herzen, ich lasse mir das nicht anmerken und gebe meinem Taxifahrer zu verstehen, wir wären hier falsch und wir sollten doch vielleicht zu der Mall fahren von denen die Verkäufer hier berichtet hatten. Die Raket-City-Mall. Ja, da gäbe es alles was ich suche, meinten die Männer. Das Taxi mit meinen Sachen wartet auf uns direkt vor dem Laden. Der Fahrer hatte es umgestellt. Wieder befinden wir uns im lärmenden Getümmel des Verkehrsstromes. Die Hupe ist hier ein unverzichtbares Mittel zur Kommunikation unter den Fahrern, wie ich auf der Fahrt in den Himalaja noch lernen werde.

Money, Money, Money

Während der Fahrt recherchiere ich im Internet auf dem Handy einen Laden für Video- und Kameraequipment und halte dem Fahrer das Handy mit der Adresse unter die Nase. Er ruft dort an, sagt okay, da fahren wir jetzt hin. Die Idee zur raket-Mall zu fahren, hatte er zwischenzeitlich selbständig wieder verworfen. Er müsste mir jetzt übrigens eine Kleinigkeit mehr berechnen, für den zusätzlichen Aufwand. War ja klar, denke ich und frage wie viel denn. Nur 1000 Rupien. Ich lache und scherze, das ist ja gar nichts. Er freut sich und schlägt ein. Sarkasmus vermittelt sich über eine dritte Sprache anscheinend nur schwer. Na was soll’s. Immerhin bewegen wir uns jetzt Richtung Stadtcentrum. Er ruft nach einiger Zeit noch einmal bei dem Laden an, legt auf und verzieht das Gesicht. Der Laden wo wir jetzt hin wollten hätte geschlossen. Wir sollten doch besser zu der empfohlenen Raket-Mall fahren. Ist mir alles recht, solange wir hier im Zentrum bleiben, denke ich. Da kann ich mich dann gut von dem Fahrer, der mich nach Rishikesh bringen soll, finden und abholen lassen. Mein vieles Gepäck macht mir ein wenig Sorgen. Da kann ich nicht ewig mit durch die schlecht löchrigen Straßen ziehen. Die chinesische 3€ Klapphandkarre, die meinen 31Kilo-Seesack tragen muss, droht in der Hitze bald die Grätsche zu machen.

Wir halten unvermittelt vor einem Hochhaus, das definitiv kein Einkaufszentrum ist. Wortlos steigt der Fahrer aus und verschwindet in einer Unterführung. Ich spiele mit meinem Handy und plane wo ich den anderen Fahrer am besten hin lotsen könnte. Plötzlich setzt sich der Wagen wieder in Bewegung. Der Fahrer hatte sich wohl umgezogen. Blauer Overall statt weißes Hemd. Während wir losrollen schaue zur Seite auf und blicke überrascht in das Gesicht eines Fremden. Hi sage ich perplex, Hi sagt er und parkt das Auto einige Meter um, bevor er wieder aussteigt und mich mit meinem Handy zurücklässt. Sehr eigenartig, denke ich mir und freue mich, dass mein Fahrer, der sichtlich mit der Hitze zu kämpfen hat nun fröhlich winkend zum Auto zurückkommt. Er müsse jetzt erst mal eine Rauchen sagt er, stellt die Klimaanlage im Auto an und verschwindet erneut. Gut, dass ich einen Fixpreis habe, denke ich mir. Er kommt zurück und nimmt mich mit. Wir laufen an bettelnden Frauen vorbei.

Ich klopfe meinem sich den Schweiß von der Stirn wischendem Fahrer mitfühlend auf die Schultern. Er hat es schon nicht leicht mit mir. Er macht mich schelmisch grinsend auf eine stylische Junginderin aufmerksam, die gerade in einer Rikscha verschwindet. Hübsch, sage ich, er grinst und bietet mir an, wenn ich zurückkomme nach Neu Delhi, soll ich ihn anrufen, dann macht er was klar mit einer netten Inderin. Ich hatte ihm zwischenzeitlich erzählt, dass ich weder Freundin noch Ehefrau habe. Ich bedanke mich herzlich für sein fürsorgliches Angebot. Er würde mir dann noch seine Karte geben. Hier habe ich einen wirklich guten Freund gefunden, lache ich innerlich. Auf der Rückseite des Hochhauses steht ein schwer bewaffneter Wachmann, der uns eine wuchtige goldene Tür öffnet. Werde ich endlich das geplante Rein und wieder Raus Spiel abschließen können. Ich bin mehr als skeptisch.

Zwei wohlgekleidete Inder heißen mich in einem dezent ausgeleuchteten gut klimatisierten Empfangsaal willkommen, der mit kunstvollen Wandteppichen hinter Glas geschmückt ist. Innerlich übergebe ich mich bereits in meinen eigenen Mund. Ich weiß, dass ich die Frage nach der Videoabteilung stecken lassen kann. Na was soll’s, spielen wir halt den dämlichen Touri – ach – sie haben hier gar kein Video Equipment? Ach in die Chroma-Mall müssen wir. Ja hätten wir das doch nur früher gewusst, ich winke ab, will nur noch zu einem Ort, von dem aus mich Fahrer Nummer zwei nach Rishikesh bringen kann. Nein, ich möchte mir wirklich keine Teppiche anschauen. Vielen Dank.

Ende mit Schmerzen

Ob denn mein Fahrer diese Chroma-Mall kennen würde, frage ich ihn auf dem Rückweg zum Auto. Ob er mich denn vielleicht lieber am Bahnhof absetzen möchte, wenn es ihm zu anstrengend mit mir sei? Nein nein, es würde schon gehen. Jetzt hätten wir es ja auch gleich geschafft. Er wendet und es geht zurück ins Zentrum. Plötzlich sehe ich das Schild des Ladens den ich zuvor im Netz recherchiert hatte an uns vorbeiziehen, sieht irgendwie gar nicht verschlossen aus. Stop schreie ich. Drop-Off? Ja Drop-Off – bitte, unbedingt! Ich wuchte mein Gepäck in die brennende mittagssonne auf den staubigen Streifen neben der Straße und drücke dem Faher eilig seine Kohle in die Hand. Er jammert und weint fast, dass ich ihm nur 300 Rupien ontop als Entschädigung für seine Mühe geben wollte, ich grade kommentarlosauf 500 up, drücke ihm sehr herzlich die Hand, bedanke mich für die schöne gemeinsame Zeit und schau ihm dabei lang und tief in die Augen. Bei der ganzen Herzlichkeit vergaß mein neuer bester Freund ganz, mir seine Visitenkarte zu geben. Wir wollten doch nach meiner Rückkehr gemeinsam Neu Delhis Frauenwelt auf den Kopf stellen. Naja. Reisende soll man nicht aufhalten, denke ich mir, und betrete endlich die gut klimatisierte Verkaufsfläche des wahrscheinlich teuersten Foto- und Videozubehörladens in ganz Asien.

Achterbahn auf der Todespiste

Mein Freund Krishna aus Köln, mit dem ich mich eigentlich in Neu Delhi treffen wollte, rief mich endlich auf meinem Handy zurück. Ich erzählte ihm von meinem Abenteuer mit Mister „Ich fahre Dich dahin wo ich will und Du zahlst dafür bitte extra“ und er bestätigte, in Indien sei immer alles kein Problem, und dann sei plötzlich alles ein Riesenproblem. Ich solle mich vorsehen. Die Verabredung mit Fahrer Nummer zwei im Laden hatte geklappt und für nur 500 Rupien mehr als ich der Nummer eins für die ergebnislose Irrfahrt durch Neu Delhi gezahlt hatte würde dieser nun mich ganze sieben Stunden nach Rishikesh fahren. Wie man für eine 250km kurze Strecke sieben Stunden brauchen könnte war mir ein Rätsel, aber ich war wohl gelaunt, hatte ich doch noch all mein Gepäck und im Laden sogar noch eine neue SD-Karte zum Superfreundschaftspreis erstehen können. Fahrer Nummer zwei machte einen seriösen, zurückhaltenden Eindruck.

Sieben Stunden Dauerhupen, Gedränge und Durcheinander von Fahrrädern, Ochsengespannen, Lastern, überfüllten Bussen, Handkarren und immer wieder auch Fußgängern auf einer großen drei- bis vierspurigen Straße, die stadtauswärts führt. Wir kommen nur mühsam voran, genau wie der Rettungswagen, der schon seit einiger Zeit mit laufender Sirene zwei Reihen neben uns feststeckt. Ich beobachte das Fahrverhalten, das einem wirklich Angst und Bange werden lassen kann, und meine, ein Muster in der Huperei erkennen zu können. Wann immer man sich einem anderen Fahrzeug nähert, um es zu überholen, was man hier da macht wo eben Platz ist, beziehungsweise wo man sich diesen zu erkämpfen gedenkt, dann wird vorsorglich und ausgiebig gehupt. Und da alle hier permanent über die vier Wagenbreiten der Straße kreuz und quer ausscheren, überholen und wieder nach hinten fallen, hupt es unaufhörlich.

Ich setze Schlafmaske und Ohropax an ihren Platz, blase das Nackenkissen auf und siehe mir die Kappe tief ins Gesicht. Ich müsse jetzt mal schlafen verabschiede ich mich aus dem systematischen Chaos. Als ich wieder zu mir komme dämmerte es bereits. Links sind grad’ zwei Laster ineinander gerast. Viele Leute stehen betroffen drum herum, die Wracks sehen übel aus. Wir halten in einem Imbiss, und ich genehmige mit vier Käsetoasts und eine Cola, Empfehlung des Hauses, gar nicht mal so schlecht. Mein Fahrer isst weiter hinten für sich allein. Ich mutmaße, dass ich für unser beider Essen bezahlt habe. Weiter geht’s. Es wird Nacht, tiefschwarze Nacht.

Die Straße ist unbeleuchtet und wird mehr und mehr zur holprigen Sandpiste, die wir uns nun mit in Staubwolken gehüllte heranrasenden Lastern teilen müssen. Gespenstisch. Ich versuche innerlich gelassen zu bleiben. Es gelingt. Plötzlich kommen wir zum Stehen. Die Straße ist voller Leute, laute Musik – eine Art Loveparade? Geschmückte Wagen, ein Kapelle, Tänzerinnen. Cool, leuchtende Wagen von weißen Ochsen gezogen, hier wird wohl was gefeiert. Ein Feuerwerk, toll!

Mein Fahrer hat großen Gefallen daran, während der Fahrt laut zu Rülpsen und zu Furzen. Es scheint ihn wirklich von einer großen Last zu befreien, das was da in ihm brodelt rauszulassen. Er ist in seiner eigenen Welt und lässt sich auch nicht von dem regungslos am Straßenrand liegenden Mann aus der Ruhe bringen, der unbeachtet von den ihn kurz ins Licht zurückholenden vorbeiziehenden Autos wohl erst vor kurzem seinen letzten Atemzug getan hat. Einige Meter Dunkelheit weiter steht ein Laster, der ein nicht mehr zu identifizierendes etwas unter sich begraben hat. Vermutlich ein Roller, oder ein Fahrrad. Zwischen den sich immer im allerletzten Moment ausweichenden entgegenkommenden Fahrzeugen tauchen immer wieder unbeleuchtete Fahrräder auf und Fußgänger. Der Mann im Graben gehörte wohl zu diesem zerstörten Vehikel unter dem Laster. Es ist schwül, warm und es stinkt. Inzwischen sind wir seit 6 Stunden unterwegs. Hoffentlich sind wir bald da.

Lektion Nummer eins in Indien: Alles ist anders als erwartet…