Moksha

WARUM SEHNEN WIR UNS NACH FREIHEIT?

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Freiheit – Wie leichtfertig wünschen wir sie uns, ja fordern sie sogar ein. Kann es jemals eine Freiheit geben für uns als Person? Selbst die von unserer Person oder unserer Begrenztheit? Kann uns die Freiheit je ein wohliges Heim sein, oder ist sie die Leere, die zwar alles ermöglicht aber auch jeglichen Sinnes entbehrt? Ist sie nicht die Leinwand, die wir mit unserem Traum bemalen, im Glück zu wandeln alle Zeit, in der Ferne natürlich, weit weit weg?

Ich kombiniere Erfahrungsbruchstücke von denen ich glaube, dass sie Erkenntnisse sind. Dabei reicht mein Blick gerade ein paar Meter zurück, bevor Vergessen und Dunkelheit sich über das Erlebte legen. Unaufhaltsam werde ich vorwärts getrieben, durch Raum und Zeit. Ich schwinge mich aus düsteren Niederungen in die luftige Höhen, nur um abermals in Abgründe zu stürzen. Ich beklage mich nicht. Es ist mein Spiel. Ich bereue wenig. Ich bin ein Kind, das versucht, sein Spielzeug zu enträtseln.

Ich spiele auf der Klaviatur meines Geistes, auf schwarzen und weißen Tasten. Zwölf Halbtöne in zwölf Monaten, sieben Töne in sieben Tagen. Durchs Raster fällt was nicht ins Schema passt. Freiheit kennt kein Schema, kein Raster, keine Antwort, die befrieden könnte. Sinn gibt es nur in Bezug auf etwas anderes. Und Bezug ist Bindung, Bindung ist nicht Freiheit wie wir sie uns vorstellen. Frieden statt Freiheit oder Frieden durch Freiheit? Frieden durch Täuschung, Frieden durch Verleugnung oder Wegsehen?

Ein törichter Wunsch, der Wunsch nach Freiheit, weil er den Glauben an die Illusion unserer Unfreiheit beweist.

Wohin könnten wir denn gehen, wenn schon ein kurzen Blick in das was wir für das Licht halten uns verzagen lässt? Wohin könnten wir uns wenden, wenn jede Antwort so leer bleiben muss wie alle Fragen?

Ich könnte jedem Furz Bedeutung in schillerndsten Farben verpassen, mich ihm verpflichten und so die Absurdität meiner eigenen Existenz aus dem Lichte nehmen. Es gibt keine Antwort auf Fragen, die niemand stellt. Vater, Mutter, Kind. Freiheit ist eine Illusion. Wovon könnten wir uns je befreien, wenn wir nicht einmal wissen, wer wir sind.

Freiheit kann nicht Isolation sein. Freiheit ist anders auf jeder Ebene.

Freiheit ist Menschsein. Menschsein ist Freiheit. Ist das Geschenk oder Fluch? Es ist was wir daraus machen. Was erschafft unsere Ahnungslosigkeit? Was unterscheidet uns vom Tier, wenn wir unsere Menschlichkeit verleugnen? Was tun Vater und Mutter, wenn ihr Kind außer Kontrolle gerät? Geben sie ihm Freiheit, Fehler zu machen und daraus zu lernen was sie bewirken?

Es gibt kein Du. Ich spüre Dich nicht. Was fehlt wirklich? Ist tatsächlich Mangel die Ursache für das Gefühl des Mangels, oder ist es Unwissenheit? Wie oft kollidieren wir mit der Fensterscheibe, bevor wir merken, dass es kein Durchkommen gibt? Die Frage, die bohrt, ist die nach dem Warum? Die ersehnte Freiheit ist vielleicht die Freiheit von der Frage nach dem Warum. Sie stört, lässt nicht sein, stachelt an, rüttelt auf, verstört, lässt verzweifeln.

Mutter, Vater, warum gebe ich der Frage nach dem Warum diese Macht? Wohl weil es mir das geeignete Instrument für etwas zu sein scheint. Was macht dieses Instrument aus? Gibt seine Qualität Aufschluss über das Motiv für seine Auswahl?

Die Frage nach dem Warum – ich glaube, sie ist die Frage ohne Antwort, so wie Freiheit der Raum, der nicht zu betreten ist.

Ich schenke dem Unerreichbaren meine Gedanken und meine Sehnsucht. Was ist der Grund dafür? Was will ich nicht sehen? Wovon wende ich den Blick ab? Fürchte ich die Konfrontation mit dem Erreichbaren? Fürchte ich die Prüfungen des Machbaren? Ist der Ruf nach Unendlichkeit ein Mittel der Vermeidung? Ist er das Besprühen eines Geschenkes mit dem Grau der Bedeutungslosigkeit bis seine Schönheit unsichtbar wird?

Was können wir tun, als uns flehend zu Füßen von Mutter und Vater zu werfen, und darum zu bitten, sehen zu dürfen, verstehen zu dürfen, lieben zu können, demütig, dankbar sein zu können, im Kleinen, Greifbaren, Machbaren stark sein zu können?

Hari Om! Om Namah Shivaya!

MOKSHA – BEFREIUNG, ABER WOVON!?

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Das große Ziel im Yoga ist das Erreichen eines Zustandes der Befreiung. Alle Handlungen im Yoga zielen darauf ab, Moksha – Befreiung zu erlangen. Aber wovon wollen sich Yogini und Yogi eigentlich befreien?

Es gibt vieles, das wir lieber nicht in unserem Leben hätten. Ballast, den wir nur zu gern hinter uns lassen würden. Abhängigkeiten, Abneigungen, Ängste, Sorgen – wie schön könnte alles sein, wenn wir nur noch Positives um uns hätten. Und so trennen wir uns bereitwillig und eifrig von Dingen, Situationen und Menschen, die anscheinend nicht in dieses perfekte Bild passen, die seine Harmonie zu stören scheinen. Wir ändern unsere Ernährung, passen unser Kaufverhalten an, versuchen, nicht zu werten und zu bewerten. Und doch stellt sich kein dauerhafter Frieden in uns ein. Immernoch steigen von Zeit zu Zeit zehrende Gedanken und Gefühle in uns auf, Selbstzweifel, Sehnsüchte, Verlangen oder eine tiefe Abneigungen, die uns aufwühlen und uns aus der Harmonie werfen. Und fast schon panisch streben wir danach, uns auch von denen möglichst schnell zu trennen, zu befreien, nach dem Motto: “Ich sehe Dich nicht, dann siehst Du mich auch nicht!”

Ist das die Befreiung, die gemeint ist, wenn von Moksha die Rede ist? Befreiung durch Trennung, Abschneiden, Ignorieren und Fernhalten? Yoga bietet eine Vielzahl von Praktiken an, welche die erlebte Brisanz von „weltlichen Problemen“ extrem abmindern können. Aber so ganz verschwinden unangenehme Zustände niemals. Es scheint keine Befreiung davon zu geben. Bedeutet Moksha vielleicht die Befreiung vom Nichtverstehen oder Missverstehen? Ist es nicht allein Verständnis, welches uns zu einem stets ruhigen Gemüt, einem ruhigen Geist, einem friedvollen Inneren als Erfolgsmessgröße verhelfen kann, egal ob es in uns grad’ regnet oder ob die Sonne scheint?

Wir können innerlich und in unseren Handlungen ruhig und gelassen bleiben, selbst wenn sich Körper und Geist zeitweilig in einer destruktiven, verneinenden, trägen und antriebslosen Schwingung befinden oder unser Herz stark aufgewühlt ist. Wenn wir verstehen, dass Körper, Geist und Herz als Teile dieser Welt auch den Gesetzen und Kräften dieser Welt unterworfen sind, dass sie sich verändern und das beständig, sind wir schon halb befreit. Vielleicht sollten wir darauf achten, an welcher Front wir kämpfen. Solang wir in dieser Welt leben ist es uns genauso wenig möglich, diese Veränderungen unseres Geistes  und unserer Gefühle zu vermeiden, wie es uns unmöglich ist, uns dem Einfluss der Erdanziehungskraft zu entziehen. Die beeinflussenden Energien und Kräfte, im Yoga Gunas genannt, wirken in der äußeren Welt wie in unserem Inneren, und dieses Wirken entzieht sich  meist unserer Kontrolle.

Tamas ist die Untätigkeit, Verneinung, Trägheit, der Schlaf. Tamas aborbiert das Licht, hüllt uns in Dunkelheit. Rajas ist die Projektionskraft, Unruhe, Unbeständigkeit und Unzufriedenheit, aber auch Schöpferkraft und Aktivität. Sattva ist Verständnis, Ausgeglichenheit, Frieden und Harmonie aber auch Eitelkeit. Je nach „Mischungsverhältnis“ dieser drei Energien, agieren wir in gleichen Situationen völlig unterschiedlich.

Was wir kontrollieren können, ist unser Umgang mit dem beständigen Wandel unseres Geistes. Wir können uns nicht vom Wirken der Gunas befreien, aber wir können das Seil zwischen ihnen und unseren Handlungen durchtrennen, den Automatismus, durch Einsatz bewusster Unterscheidungskraft und Selbstkenntnis. Abwechselnd empfinden wir uns mit uns selbst und der Welt im Reinen, wir Streben nach Veränderung, mit der Motivation, in den Zustand der Harmonie zu gelangen oder wir haben die Tendenz, abzulehnen was wir wahrnehmen, zu verneinen und uns selbst und der Welt zerstörerisch zu begegnen. Unser Geist und unsere Gedanken folgen in ihrer Ausrichtung abwechselnd diesen drei Kräften, Tamas, Rajas und Sattva und können uns zu Handlungen oder Worten verleiten, die wir später bereuen. Sie treiben uns entweder voran, lassen uns liebevoll verweilen oder machen uns blind für das Schöne im Leben.

Selbstkenntnis bedeutet, zu wissen, wir sind weder der sattvige, der rajasige noch der tamasige Zustand unseres Gemüts. Wir sind deren Zeuge. Es gibt eine gleich bleibende Instanz in uns, welche den Wandel zwischen diesen Kräften, die sich auf unser Gemüt übertragen, bezeugt jedoch selbst von deren Kommen und Gehen unberührt bleibt.

Ist es nicht wahre Befreiung, wenn sich der unterscheidende, wache Geist von keinem der bezeugten Zustände der Psyche und des Körpers in die Höhe oder Tiefe reißen lässt? Wenn die Rufe der Gunas in Form unserer Gedanken nur minimale Wellen auf dem Ozean unserer Gemütsruhe verursachten? Woher aber eine solche Beständigkeit der inneren Ruhe nehmen? Aus dem Verständnis, dass Beständigkeit die feste Größe hinter allem Wandel ist, den wir im Innern und im Äußeren wahrnehmen. Es ist die beständige, liebevolle, aufmerksame, intelligente, zeitlose, vollkommen, ewig Ursache von allem, unsere ureigene Identität, pures Bewusstsein, dass sich im Kleinen in dem wahrnehmenden menschlichen Bewusstsein spiegelt.

Befreiung heißt für mich, zu verstehen, dass jede Regung, die wir in uns wahrnehmen, seine Ursache im harmonischen Wirken der Kräfte in der Welt und damit seine Richtigkeit hat. Es liegt nichts Gutes oder Schlechtes darin, dieser Anstrich geschieht ausschließlich durch unsere Interpretation. Der Schlüssel zur Auflösung unangenehmer Erfahrungen liegt nicht in deren Verneinung sondern in der Akzeptanz und Annahme. Das ist Befreiung von der Bewertung der eigenen und anderer Personen. Das ist die Befreiung von dem Etikett der Unzulänglichkeit und des Fehlers. Das führt zur Befreiung vom Gefühl der Getrenntheit. Die Unterscheidungskraft unseres einzigartigen menschlichen Intellektes kann unsere Herzen öffnen und unserem Denken und Handeln friedvolle Beständigkeit und einen liebevollen Umgang mit uns selbst, der Welt und allen Wesen in ihr, schenken.

Das ist Jnana-Yoga.